der letzte Sonnenstrahl

Seitdem man sie hierher gebracht hatte, wollte sie nicht mehr essen, nicht mehr reden… nicht mehr leben.

Es war ihr einfach zu furchtbar hier liegen zu müssen, nicht aufstehen zu können, nicht mehr selbstständig zu sein.

Wie wichtig war ihr das immer gewesen, nur nicht auf andere Menschen angewiesen zu ein, alleine alles zu schaffen, auch wenns oft schwer gefallen ist.

 

„Die red nix, die bekommt nix mehr mit!“ sagte die Frau, die sie jetzt im Bett aufrichtete.  „Na, dann laß uns mal zügig machen, ist eh schon Feierabend.“ gab die andere zur Antwort.

Zimperlich gingen die nicht mit ihr um, sie stöhnte einige male schmerzerfüllt auf.

„Hab dich mal nicht so.. im eigenen Dreck willste sicher nicht liegen bleiben.“ kam die barsche Antwort. „Ach geh, ich sag doch, die merkt eh nix mehr. Mach dir keinen Kopf, da ist auch niemand der sie besucht- die blauen Flecke sieht eh keiner.“

Die Tür schlug laut zu, sie lag zitternd da, Tränen rollten aus ihren Augenwinkeln, tropfen langsam aufs Kissen. Ihr Mund war ganz trocken, sie hatte großen Durst. Der Becher mit Wasser stand nun aber auf dem Tisch, unerreichbar für sie.

 

Die Nacht war sehr lang, nur einmal ging die Tür auf, jemand sah ins Zimmer, war auch schon wieder verschwunden. Der Durst wurde übermächtig und sie merkte noch wie sich ihre Gedanken verwirrten.

 

Als sie erwachte, sah sie die Mutter am Küchentisch stehen die ihr gerade ein Pausenbrot schmierte und … — ach nein, die Mutter war doch schon so lange tot.

Sie versuchte sich zurecht zu finden, begriff langsam wieder, daß sie in diesem Heim war.. begriff die ganze Hoffnungslosigkeit ihrer Lage. Erinnerte sich, daß sie nicht mehr gehen konnte, wie hilflos sie nun war und wie ausgeliefert.

 

Ihr Mund war wie ausgedörrt und sie hatte starke Kopfschmerzen. DURST!!! nur daran konnte sie noch denken. In einen unruhigen Dämmerschlaf versank sie immer wieder, erwachte aber zwischendurch, war in vergangen Zeiten, kaum noch im hier und jetzt.

 

Aus der Dunkelheit glühte ein rotes Auge, weit da hinten, wo sie nichts mehr erkennen konnte. Was das ein Ungeheuer? Angst machte sich breit und der furchtbare Durst war immer noch da.

So Dunkel! Eine alles verschlingende Dunkelheit umgab sie, nur selten tauchte sie für einen  kurzen Augenblick auf, ganz verwirrt, verängstigt, voller Qual und Schmerzen…. fühlte sich einsam und verlassen.

 

Noch einmal schlug sie die Augen auf und ein einzelner Sonnenstrahl schien auf ihre Hand. „Oh, ein neuer Tag,  jetzt wird alles gut?“ dachte sie, sah zu wie der Strahl langsam ihren Arm herauf kletterte… ihre Augen fielen wieder zu.

 

Sie hörte die Wellen am Strand, spürte den salzigen Wind auf der Haut, den naßen Sand zwischen ihren Zehen, hörte die Mutter rufen: „Ilse, komm raus, es ist genug für heute!“… spürte die Sonne warm auf ihrem Gesicht.

.

„Die hat es geschafft! Ruf mal den Doktor an, hat aber keine Eile…“

 

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5 Kommentare

  1. So traurig …

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  2. puh, diesen Weg gehen wir alle…irgendwann

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