…und da draußen… da tobt das Leben?

So saß sie nun auf der Couch, gegenüber vom Fenster, da saß sie nun schon einige Wochen. Nein, besser wir rechnen in Monaten! Die Zeit, ein stetiger Fluß, der draußen vorbei zog, da wo sie nicht mehr mit konnte… da wo sie auch so gerne dabei wäre… wenn da nicht…

Der Sommer war saftig grün vorm Fenster, die Bäume im vollen Laub. Vogelgesang! Die Sonne schien nachmittags herein… und sie saß geblendet auf der Couch. Dachte nach, haderte, träumte wenig, war oft traurig und manchmal, ganz selten, ein kleines bißchen glücklich.

Sie saß auf der Couch und wünschte sich so sehr endlich wieder … verzagte immer mehr, verzweifelte und die hellen Sonnentage erscheinen ihr gar nicht so strahlend. Die Schalusie ließ sie runter um all das schöne, strahlende, lebendige nicht sehen zu müssen.

..und fiel!

..und fiel… und nirgendwo ein Halt!

..und nirgendwo ein sicherer Boden!

Noch immer saß sie auf der Couch, inzwischen färbten sich die Blätter, nur unterbrochen von kurzen Alltäglichkeiten,  eingehüllt in dunkelgraue Watte. Eine tiefe Traurigkeit hielt sie umfangen.

Selbst der Herbst war in diesem Jahr nicht golden, so paßte er gut zu ihrer Seelenlage, trist, hoffnungslos, ohne ein Fünkchen Leichtigkeit.

Sie saß auf der Couch, sah in das wilde Herbstgestöber, hörte dem Wind zu der die nassen, braunen Blätter uns Haus wirbelte, sah Regentropfen  die Scheibe entlang laufen.. und fühlte nichts außer einer großen Leere.

… und WO war sie?

…und WER war sie… früher gewesen?

…wie hatte sie sich nur so verlieren können?

Sie saß auf der Couch, fühlte nur kalte Trauer, hatte sich selbst verloren, hatte kein Ziel mehr, keinen LebensMut.

Die Blätter von den Bäumen vorm Fenster waren inzwischen alle abgefallen, bedeckten als brauner, naßer Teppich die Erde, kein grün mehr, keine Vogelstimmen, es war Winter geworden.

Sie aber saß noch immer auf der Couch, schaute blicklos ins grau, aber langsam wurde ihr klar, daß nur sie den Kokon aus Starre, Mutlosigkeit, Schmerzen, Angst und Wut aufbrechen könnte.

Das allerdings würde ein langer Weg, nicht so einfach den versteinerten Panzer zu sprengen, den Kopf wieder frei zu bekommen  von all dem dunklen Gewölk, Schmerzen, immer noch… aber da.. ein Fünkchen Zuversicht?

..und sie versuchte…

… versuchte zu lächeln..

… wollte wieder einmal herzlich lachen!

Die Weihnachtszeit nahte, sie saß auf der Couch, dunkel wars draußen nun jeden Tag, die Nächte lang, aber in der Wohnstube, da brannten die Kerzen, da war es warm und gemütlich.

Zaghaft kam Vorfreude auf, erwärmte sie von innen und sie schüttelte die Erstarrung ab. Schmückte das Zimmer und fand ihre staunenden Kinderaugen wieder. Wußte auf einmal, das es Wunder gab, das sie wahr werden könnten… fühlte das Leben wieder … und zwar aufregend und wunderbar tief drinnen in ihr selbst.

Sie saß auf der Couch, übte das Lachen, versuchte sich an die Leichtigkeit des Lebens zu erinnern, kramt nach schönen Erinnerungen… war endlich wieder auf dem Weg.

Der Tag kam, an dem sie einfach aufstand und wieder in ihr Leben zurück ging.

 

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ein roter LehnSessel

Woher der plötzliche Wunsch nach einem roten LehnSessel gekommen war wußte sie nicht… nur er ließ sie nicht mehr los. Schon stand eine Stehlampe mit Stoffschirm daneben, gab gemütliches Licht, welches auch hell genug zum Lesen war. Ein Tischen fand sich ein, ein Schemel für die Beine… und sie sah sich dort gemütlich sitzen.

„Schön wäre es auch ein Kissen und eine warme Decke dort zu haben.“ … und so fügte sie diese dem Bild hinzu. Wie heimelig und gemütlich mußte es sein dort zu sitzen, ein Buch auf den Knien, neben sich eine Tasse Tee.

Schon überlegte sie wo sie sich diese Leseecke einrichten könnte… doch leider fand sie keinen geeigneten Platz, alles zu vollgestellt, einfach zu eng. Nun schalt sie sich: „Sei doch zufrieden mit dem Platz auf der Couch… dort kannst du doch gut sitzen.“

Der Wunsch nach dem roten LehnSessel verblaßte in ihrem Gedanken… doch nun sah sie plötzlich überall diese schönen altmodischen Sessel.

Im letzten Film saß der Großvater in genau so einem Sessel. In dem erleuchteten Wohnzimmer, an dem sie täglich im Dunkeln vorbeifuhr, standen sogar zwei solcher Teile. Dazwischen ein kleines Tischen, die Sessel sich leicht zugewandt, so daß man mühelos plaudern könnte wenn man dort saß.

Werbung in ihrem Briefkasten, ein Möbelhaus bot gleich mehrere verschiedene Modelle an, auch einen roten, genau so wie sie sich ihren LehnSessel wünschte. Mit hoher Rückenlehne, gepolsterten Armlehnen und „Ohren“. Sie überlegte, wie hießen denn die Dinger wirklich?  Suchte schließlich nach der korrekten Bezeichnung: „OhrenBackenSessel“ so stand es da.

Nachts träumte sie sich in ihren roten OhrenBackensSessel, las Bücher, fühlte sich so geborgen. Nach einer Weile stand auch ein Regal für all ihre Lieblingsbücher da, griffbereit darin die Dose mit Lakritz, zwei ihrer Bären saßen nun auch im oberen Fach, allerlei Kleinigkeiten sammelten sich an. Sie richtete sich mehr und mehr ein.

Die kleine gemütlich Kammer bekam einen warmen gelben Anstrich, noch mehr Bücherregale und einige ihrer Bilder hingen nun auch dort. Sie sah sich immer öfter  im warmen Lichtschein sitzen, nach eine Weile kamen auch die Katzen und Hunde und gesellten sich zu ihr.  Weiche Decken und gepolsterte Körbchen luden ihre Lieben zum Verweilen ein  und ein zweiter Lehnsessel stand eines Tages da.

Manchmal stand sie auch am Fenster und sah in den Garten, hörte die Vögel zwitschern, überlegte ob denn schon wieder Frühling wäre? Die Obstbäumen fingen an zu blühen und die ersten Blumen standen in den Beeten.

Sie saß nun immer öfter in ihren Sessel, guckte in den Flur und hatte die ganze Zeit das Gefühl das sie noch auf jemanden wartete. Hatte sich Besuch angesagt?

Manchmal stand sie auf und ging in die Küche, dort stand ein alter Kochherd, ein großer Tisch mit zwei Stühlen und einer Bank. Mit jedem Mal wurde es auch dort gemütlicher, schon standen zwei alte Küchenbüfetts da, einige Regale  und schönes Geschirr kamen hinzu. Irgendwann waren die Wände vertäfelt, unter dem Tisch lag ein großer Flickenteppich und oben drauf stand  ein blauer Krug mit Wildblumen und Gräsern.

Wenn sie jetzt aus der Küchentüre ging war die Luft warm, die Sonne schien und sie dachte: “ Ist es schon Sommer?“ Die Hunde tollten auf der Wiese und sie saß unter der großen Kastanie.  Immer wieder sah sie zur Einfahrt, doch das Tor war verschlossen. Kam da nicht bald noch jemand?

Sie sah sich ihr kleines weißes Haus an, wilder Wein überwucherte es an zwei Seiten, duftende Kletterrosen umranken die Küchentüre, „So hab ich es mir immer vorgestellt…“ ..und doch fühlte sie einen Verlust, eine Trauer die sie nicht benennen konnte.

In ihrem Häuschen hatte sie nach und nach alle Räume erkundet und auch diese wurden jedesmal gemütlicher und wohnlicher, doch sie war nicht wirklich glücklich, fühlte sich unvollständig und war oft traurig.

Die Abende verbrachte sie in ihrem roten Lehnsessel, umgeben von ihren Tieren… und wartete.

Vor dem Fenster sah sie nun bunte Blätter vorbei wehen. Die Blumen blühten noch strahlender, ein letztes Aufblühen vor dem kommenden Winter und die Nächte wurden merklich kühler. Oft stand sie nun mit den Hunden am dem  Tor der Einfahrt, doch es war verschlossen, sie konnte es nicht öffnen.

Die Katze auf ihren Knien schnurrte laut und sie schlief ein, das Buch rutschte unbemerkt aus ihrer Hand. „Hallo …Liebes….“ sie träumte,… eine Hand berührte leicht ihre Schulter. „Wach auf!“

ER war gekommen, endlich! Brachte die anderen Tiere mit, das kleine Haus war voller Leben und sie war glücklich.

Nun saßen sie beide in den roten Lehnsesseln und er sagte: „So hab ich es mir vorgestellt all die Jahre.“

Verwundert sah sie ihn an, „Wie meinst du das? Ich bin doch noch gar nicht so lange hier?“

„Ach, du bist schon seit fast 10 Jahren tot, ich hab so sehr darauf gewartet wieder bei dir zu sein. Schlimm war es als du nicht mehr aus dem Koma erwacht bist und ich dich irgendwann gehen lassen mußte. Es war so furchtbar einsam ohne dich und die Tiere haben dich überall gesucht.“

So sitzen sie da und halten sich an den Händen…

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GruppenFotos

…gibt es kaum mit mir.

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Da sehe ich Kinder auf der Treppe der grünen BarakenSchule, in der hinteren Reihe stehen zwei, der Mathias, der nun schon lange nicht mehr lebt und ich, einen Kopf größer als die anderen.  Die Haare irgendwie unvorteilhaft, viel zu kurz geschnitten, die Ärmel meiner Jacke auch.

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Was war ich für ein Kind? War ich glücklich? Hab oft das Gefühl gehabt nicht dazu zu gehören, stand immer ein wenig abseits, paßte nicht zu den anderen. Mußte nicht stundenlang Hausaufgaben machen, durfte draußen herum streunern. Mußte nicht in die Kirche… mußte vieles nicht.

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Eis schleckende Kinder, noch immer war ich in der grünen Grundschule, fotografiert bei einem Ausflug. Wo waren wir da nur? Auf einigen Bildern ist auch wieder Mathias neben mir zu sehen, der sich selber tötete als er gerade erwachsen war. Da ist  auch die Mimi, meine Freundin, die noch viel mehr Geschwister hatte als ich.

Namen fehlen mir, so viele Kinder, einige Gesichter wecken Erinnerungen, manche erkenne ich nicht wieder, so lange ists her… wer war  das denn noch?

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Bei Mimi gab es nachmittags Brote, die wurden draußen vor die Haustür gestellt,  ich durfte mir dann auch eins nehmen. Paderborner mit Margarine, manchmal Leberwurst oder Schmalz…. das mochte ich eigentlich nicht, aber manchmal war da auch Zucker drauf gestreut, dann gings.

Das tollste aber war das kleine Holzbrett, vier kleine Rollen unten dran, damit sausten wir über den Garagen Vorplatz, hin und her, dutzende Kinder immer reihum, machten viel Lärm, hatten großen Spaß.

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Bei Mathias gab es eine Haushaltshilfe zu Hause, die war immer da und manchmal bekamen wir etwas Obst von ihr. Seine Mutter war unsere Familien Ärztin, sie kam immer wenn wir sie brauchten, die Praxisräume waren unten im Keller.  Der Vater wohnte in der oberen Etage, der mußte immer Ruhe haben.

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Komisch verkleidet, im Sommerlager mit der Pfarrei im Sauerland… da erkenne ich gar kein Gesicht wieder. Ich kannte sowieso nur ein oder zwei andere Mädchen und die waren zwei/drei Jahre älter. Mit acht oder neun Jahren sind zwei/drei Jahre echt viel, so lief ich zwar bei den „Großen“ mit, war aber eigentlich zu jung, auch wenn die Größe stimmte.

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Ein KlassenGruppenFoto… in einer TropfSteinHöhle. Realschule, vielleicht 6. Klasse? Wir stehen aufgereiht, ich wieder ganz oben. Meine langjährige Freundin Gudrun, aber auch Brigitte und Tille, die Streberinnen… und.. ach, da weiß ich noch so viele Namen.

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Die gleiche Klasse, aber später… Ausflug zur Villa Hügel. Wir sind älter, meinen schon fast erwachsen zu sein… eine lachende Barbara,  Gudrun, Brigitte, Christel und … ja auch ich lache!

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Die Christel war etwas älter als wir anderen, eine Sitzenbleiberin, die hatte an diesem Tag knallblaue gefärbte Schuhe zur weiten Schlaghose an. Die Hosen nähten sich einige Freundinnen selber, saßen hoch und eng auf der Hüfte und wurden ganz weit unten am Bein. Schick fanden wir das.

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Die Mutter von Brigitte hat mal mitten in der Nacht ein Buch, das ich ihre geliehen hatte, bei uns in den Briefkasten gesteckt.. eines von Harald Robbins.. sowas durfte ihre Tochter nicht lesen!

Brigitte hatte eine Jacke, die sie sich aus karierten Geschirrtüchern genäht hatte, ich beneidete sie sehr darum.

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Ich erinnere mich noch an meine erste Lewis, Jahre hat es gedauert bis ich wirklich eine „echte“ bekam. Ich trug sie bis sie ganz hell war… und dann kaufte Brigitte sie mir noch ab.

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Bei Gudrun hab ich manchmal übernachtet, zu mir kam sie aber nie. Später dann blieb ich sitzen  und sie bekam mit 15 ein Kind.

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Noch ein Bild auf einem Schiff, wieder eine Klassenfahrt, ich war nun die „Ältere“ die Sitzenbleiberin… konnte mit den „Kindern“ nicht viel anfangen.. sie waren einfach zu jung und ich viel zu wild. Lange Haare wehen im Wind, verdecken mein halbes Gesicht. Irgendwo bei Trier muß das gewesen sein.

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Eine schwere Zeit für mich die 8. und 9. Klasse, die Schule wollte mich loswerden, da ich auf die anderen Kinder einen schlechten Einfluß hätte, daß ich regelmäßig grün und blau geschlagen im Unterricht saß störte dort niemanden.

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Bilder aus München, Bilder aus Fischbachau.. da kam ich zur Kur hin, ja  die Kasse zahlte das. Sechs Wochen Ruhe, keine Verfolgung, keine Prügel… zwar keine Kneippkur, aber trotzdem saß ich viel im Wirtshaus.

An die anderen Mädels kann ich mich kaum erinnern, wir waren eine wirklich große, bunt gemischte Gruppe, die wenigen Fotos zeigen mich inmitten junger Frauen… ich war die jüngste und tat ihnen leid.

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Mit 16 gings dann ins Internat, eine gute Zeit, da gibt es aber keine GruppenFotos mehr.

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Doch noch ein Bild habe ich gefunden, Jahrzehnte später, der beste aller Ehemänner und ich besuchten einen MalWorkShop.. da stehen wir beide mit Pinsel und Schürze mitten drin.

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der letzte Sonnenstrahl

Seitdem man sie hierher gebracht hatte, wollte sie nicht mehr essen, nicht mehr reden… nicht mehr leben.

Es war ihr einfach zu furchtbar hier liegen zu müssen, nicht aufstehen zu können, nicht mehr selbstständig zu sein.

Wie wichtig war ihr das immer gewesen, nur nicht auf andere Menschen angewiesen zu ein, alleine alles zu schaffen, auch wenns oft schwer gefallen ist.

 

„Die red nix, die bekommt nix mehr mit!“ sagte die Frau, die sie jetzt im Bett aufrichtete.  „Na, dann laß uns mal zügig machen, ist eh schon Feierabend.“ gab die andere zur Antwort.

Zimperlich gingen die nicht mit ihr um, sie stöhnte einige male schmerzerfüllt auf.

„Hab dich mal nicht so.. im eigenen Dreck willste sicher nicht liegen bleiben.“ kam die barsche Antwort. „Ach geh, ich sag doch, die merkt eh nix mehr. Mach dir keinen Kopf, da ist auch niemand der sie besucht- die blauen Flecke sieht eh keiner.“

Die Tür schlug laut zu, sie lag zitternd da, Tränen rollten aus ihren Augenwinkeln, tropfen langsam aufs Kissen. Ihr Mund war ganz trocken, sie hatte großen Durst. Der Becher mit Wasser stand nun aber auf dem Tisch, unerreichbar für sie.

 

Die Nacht war sehr lang, nur einmal ging die Tür auf, jemand sah ins Zimmer, war auch schon wieder verschwunden. Der Durst wurde übermächtig und sie merkte noch wie sich ihre Gedanken verwirrten.

 

Als sie erwachte, sah sie die Mutter am Küchentisch stehen die ihr gerade ein Pausenbrot schmierte und … — ach nein, die Mutter war doch schon so lange tot.

Sie versuchte sich zurecht zu finden, begriff langsam wieder, daß sie in diesem Heim war.. begriff die ganze Hoffnungslosigkeit ihrer Lage. Erinnerte sich, daß sie nicht mehr gehen konnte, wie hilflos sie nun war und wie ausgeliefert.

 

Ihr Mund war wie ausgedörrt und sie hatte starke Kopfschmerzen. DURST!!! nur daran konnte sie noch denken. In einen unruhigen Dämmerschlaf versank sie immer wieder, erwachte aber zwischendurch, war in vergangen Zeiten, kaum noch im hier und jetzt.

 

Aus der Dunkelheit glühte ein rotes Auge, weit da hinten, wo sie nichts mehr erkennen konnte. Was das ein Ungeheuer? Angst machte sich breit und der furchtbare Durst war immer noch da.

So Dunkel! Eine alles verschlingende Dunkelheit umgab sie, nur selten tauchte sie für einen  kurzen Augenblick auf, ganz verwirrt, verängstigt, voller Qual und Schmerzen…. fühlte sich einsam und verlassen.

 

Noch einmal schlug sie die Augen auf und ein einzelner Sonnenstrahl schien auf ihre Hand. „Oh, ein neuer Tag,  jetzt wird alles gut?“ dachte sie, sah zu wie der Strahl langsam ihren Arm herauf kletterte… ihre Augen fielen wieder zu.

 

Sie hörte die Wellen am Strand, spürte den salzigen Wind auf der Haut, den naßen Sand zwischen ihren Zehen, hörte die Mutter rufen: „Ilse, komm raus, es ist genug für heute!“… spürte die Sonne warm auf ihrem Gesicht.

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„Die hat es geschafft! Ruf mal den Doktor an, hat aber keine Eile…“

 

041

 

altes Weib

Da liegt sie nun mitten am Tag im Bett. Das Wort Mittagsschlaf wird nicht benutzt.. das macht sie nur noch älter.

Es ist schon eine kleine Niederlage, so empfindet sie es. Der Tag zieht sich immer mehr in die Länge, den kann sie ohne eine kleine Pause nicht mehr überstehen. Lange hat sie sich gesträubt… sie doch nicht… niemals… kommt ja gar nicht in Frage.

Dabei hat sie doch alle Zeit der Welt, kann sich ihre Tage frei einteilen, kann schlafen und aufstehen wie es ihr gefällt. Steht aber immer noch ganz früh auf, begrüßt den neuen Tag, den Abend aber verbringt sie jetzt oft schon früh schlafend  im Bett

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Sie liegt also um die Mittagszeit in ihrem Bett,  gemütlich ist es, sehr gemütlich! Es dauert einen Moment, bis ihr Kopf wirklich „richtig“ liegt. Auch die Decke muß überall eingeschlagen und „dicht“ sein, sonst macht sie das einfach wahnsinnig.

Ein bißchen abgedunkelt die Schlafstube, nicht ganz, sie guckt sich gerne noch etwas um. Nicht das sie wirklich etwas erkennen kann, ohne Brille ist das  nicht der Fall. Da verändern sich die Dinge wenn man nur verschwommene Schatten, schlierige Farben und Flecken sehen kann, manchmal ist es spannend, meistens fallen ihr die Augen nach wenigen Augenblicken zu.

Heute mal wieder ein Hörbuch, ein neuer Versuch, nur wenige Sätze  hört sie und schläft tief und fest. Noch nie hat sie es geschafft einem ganzen Hörbuch zu folgen. Egal was für ein Thema, egal wie spannend, sie schläft sofort ein. So werden Geschichten in winzige Portionen zerhackt und ergeben keinen Sinn, machen keinen Spaß.

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Plötzlich stupst der Hund mit seiner kalten Nase an ihre Hand und  sie murmelt verschlafen: „Ist ja gut, laß mich ..“ irgendwie paßt das gerade genau in ihren Traum. Der Hund versteht aber wohl: „Komm, hopp!“ und springt voller Begeisterung aufs Bett, mitten auf sie drauf. Erschrocken flieht die alte Katze von ihren Beinen, möchte  nicht gestört werden. Der Hund leckt ihr mitten durchs Gesicht, das ist nicht so angenehm, macht sie aber schnell munter.

Sie steht  also auf, angelt mit den Füßen nach ihren Schuhen, blickt zur Uhr, wundert sich wo die letzten 2 Stunden geblieben sind… müde ist sie eigentlich immer noch.

„Ach, das ist das Alter!“ denkt sie und geht mit dem Hund nach unten.

und am Donnerstag geht die Welt unter

Sie wußte gar nicht mehr, wo sie es zuerst gehört hatte… oder hatte sie es in der Zeitung gelesen?.. am nächsten Donnerstag würde die Welt untergehen!

Sie hatte noch darüber gelacht, die Welt sollte schon so oft unter gehen… und sie drehte sich immer noch! Wieder und  wieder wurden Termine genannt, auch  alte Prophezeiungen  hervorgeholt… und immer erwiesen sich alle Ängste als unbegründet.

Doch schon einen Tag später sprach man überall vom bevorstehenden Weltuntergang. Konnte es denn vielleicht doch sein?

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Am nächsten Tag schon zeigte das Fernsehen Bilder von verstopften Autobahnen und Straßen, die Menschen waren auf der Flucht. Sie dachte noch, wie merkwürdig das war, flüchten, aber WOHIN?

In den Städten kam es zu Plünderungen.. die Armee versuchte zu sichern, doch das mißlang. Immer mehr zeigte sich die Gewaltbereitschaft der Menschen, ja, selbst vor Mord schreckten viele nicht mehr zurück.

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Sie war froh, so weit außerhalb zu leben, ihr Häuschen lag sehr abgeschieden,  fast versteckt. Schaltete sie den Fernseher oder das Radio ein wurde nur noch vom bevorstehenden Ende berichtet, von all den schlimmen Dingen die fast überall passierten. Hoffnung auf eine Rettung schien es nicht mehr zu geben,  sie bekam Angst.

Man hatte ja mit vielem gerechnet, daß die Menschen  selbst die Erde vernichten würden, daß die Ausbeutung schließlich zum Ende führen würde, Kriege, Naturkatastrophen… an all das hatte man gedacht, doch an einen Meteoriten, der die Erdbahn kreuzen würde, nicht. Dieser war gigantisch, die Menschheit hatten nichts womit sie ihn aus seiner zerstörerischen Bahn hätte bringen können.

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Panik beherrschte alle Menschen und es wurde schon von Selbstmorden berichtet. Die schwärzeste Verzweiflung zog sich rund um den ganzen Erdball.

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Sie lebte in diesen Tagen wie immer alleine mit ihrer alten Katze, sicher, sie saß öfter drinnen, hörte sich die Nachrichten an, was sollte sie sonst tun? Der Gedanke zu flüchten kam ihr nicht… der Gedanke ihr Leben zu beenden schließlich schon. Tabletten wären genug im Haus, aber was würde mit der Katze? Nein, sie konnte sie nicht töten, alleine zurück lassen aber auch nicht, ihre geliebte Mary!

So blieb sie einfach, saß draußen im Schatten der alten Kastanie, lauschte dem Wind und den Vögeln… so wie sie es immer getan hatte.

Überlegte, ob sie zufrieden sein könnte mit ihrem Leben? Nichts besonders hatte sie gemacht, war weder reich noch berühmt, hatte einfach nur ihr kleines AlltagsLeben gelebt… und doch fühlte es sich gut an.

Viele schöne Erinnerungen kamen und gingen, sie vermißte ihren verstorbenen Mann noch mehr als sonst. Dachte an Familie und Freunde von früher… und an Ereignisse die schon lange zurück lagen.

Die alte Mary lag wie immer schnurrend auf ihren Beinen, gedankenverloren streichelte sie das weiche Katzenfell. „Wir beiden Alten, wir werden einfach hier bleiben. Du hast es gut, du weißt nicht das die Welt bald nicht mehr existieren wird.“ sagte sie zur Katze und die schnurrte noch etwas lauter.

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Inzwischen  war schon der letzte Mittwoch auf Erden angebrochen, es gab kein Fernsehprogramm mehr und auch das Radio war verstummt. Seit gestern war auch der Strom ausgefallen, aber sie vermißte ihn nicht. Hatte sie doch alles vorbereitet, Wasser hochgepumpt, nur ein kleiner Vorrat, noch mal Brot gebacken und auch einige Thermoskannen mit Tee gekocht. Mehr brauchte sie wohl nicht mehr.

Es blieb nichts mehr zu tun… sie saß draußen, las ein bißchen, doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. So würde es also wirklich kommen das Ende der Welt, ein Trost, es würde zum Schluß wohl alles sehr schnell gehen, zumindest hatte man das gesagt, warum also Angst haben.

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Sie hatte ihr Leben gelebt… und es war ein gutes Leben gewesen! Die Befürchtung alleine irgendwo dahin zu siechen mußte sie ja nun nicht länger haben, auch um ihre geliebte Mary brauchte sie sich nicht sorgen… sie würden nun zusammen gehen.

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Der letzte Donnerstag brach an, sie stand schnell auf, die Dämmerung und den  Sonnenaufgang wollte sie nicht versäumen und ein letztes Konzert der Vögel auch nicht.

Leichter Morgennebel lag auf dem Land, der Himmel färbte sich ganz eben rötlich, die Vögel sangen so schön wie niemals zuvor… und sie saß mit Mary auf der Bank vorm Haus. Eine Tasse Tee neben sich, leider war er nicht mehr warm, Mary bekam noch ein letztes Leckerchen und sie aß eine Scheibe vom selbst gebackenen Brot.

Sie saß einfach nur da und genoß mit allen Sinnen, bis Tränen ihre Wangen herunterliefen, so wunderschön war dieser letzte Morgen.

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018

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Leisala

Als sie erwachte konnte sie sich nicht erinnern wer sie war. Auch den gestrigen Tag, den Tag davor und  ihren Geburtstag hatte sie vergeßen. Es stellte sich heraus, daß sie gar nichts mehr wußte, sie hatte ihren Namen und ihre Lebensgeschichte verloren.

 

Im Krankenhaus  machte man alle nur möglichen Untersuchungen, Tests und Therapien, doch sie war wie ein leeres Blatt Papier.  Ihre Erinnerungen reichten inzwischen genau 3 Wochen und 5 Tage zurück, bis zu dem Augenblick als sie dort erwachte.

Die Polizei konnte auch nicht weiterhelfen, sie wurde offensichtlich nicht vermißt und auch sonst war sie nie auffällig geworden.

Man wußte nicht was man mit ihr machen sollte… einfach entlassen, aber wohin könnte sie gehen? Ohne Geld, ohne Familie oder Freude, ohne ein gelebtes Leben und ohne jede Erfahrung.

Sie war wie ein Kind,  sprach nur in einfachen Sätzen, ein altmodisch anmutendes Deutsch.

 

Sie stellte alle vor ein Rätsel. Schließlich erlaubte man ihr in der Klink zu bleiben, als Hilfe in der Küche, dafür bekam sie ein Zimmerchen im Schwesternheim nebenan.

 

Sie war schnell beliebt, immer freundlich und höflich, vor allem aber jederzeit bereit zu helfen. Nie schaute sie auf die Uhr, ob nicht schon bald Feierabend sei.. nie war ihr ein Gefallen lästig wenn man sie darum bat.

Mit den Patienten verstand sie sich gut, saß manche Stunde an Krankenbetten oder erledigte kleine Gefälligkeiten. Ihre Fröhlichkeit ließ sie oft die Schmerzen vergessen.

 

Auch noch nach vielen Monaten hatte sie keinerlei Erinnerungen, scherzhaft sagte man, sie sei wohl ein SternenMädchen, einfach so vom Himmel gefallen.

Ihr Lächeln und ihre Freundlichkeit öffneten ihr alle Herzen und sie war wie ein lichter Sonnenstrahl für so viele.

 

Bis sie plötzlich verschwunden war, auf den Tag genau war ein Jahr vergangen. Keine Spur ließ sie zurück, hatte nichts von den wenigen Dingen mitgenommen, die sie inzwischen besaß, nur das alte Kleid, in dem man sie damals gefunden hatte.

 

Noch lange sprach man über sie, nannte sie Leisala das SternenMädchen. Manche glaubten sie wäre ein Engel, der sich hier auf Erden seine Flügel verdienen sollte, andere sagten sie sein bestimmt eine Fee gewesen.

Das Rätsel um ihre Herkunft und Person wurde nie gelöst.

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047

 

drei perfekte Momente

„Wenn ein Mensch von sich sagen kann, das er DREI perfekte Momente in seinem Leben erlebt hat… dann ist er reich!“

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Ich lese oft, daß Frauen ihren Hochzeitstag als den perfekten Tag erleben oder die Geburt ihres Kindes. Da ich keine Kinder habe, fällt das schon mal weg bei mir. Und mein Hochzeitstag? Tja…?  Der war weder perfekt noch sonstwas, das war einfach nur der Tag an dem wir JA gesagt haben – ganz alleine – und fertig!

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Vor einiger Zeit wurde ich  nach meinem perfekten Moment gefragt. Mir fiel sofort ein Moment ein, doch ich dachte, der kanns doch nicht gewesen sein und auch ein zweiter Gedanke war so unspektakulär, das ich ihn nicht aussprach.

So blieb die Frage nach meinem perfekten Moment unbeantwortet, aber ich dachte doch immer wieder darüber nach.  Eines Nachts träumte ich sogar davon und bekam eine Antwort. Den Anfangssatz hatte ich beim Aufwachen im Kopf … und je länger ich darüber nachdachte, desto wahrer wurde er für mich.

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Hatte ich meine perfekten Momente schon erlebt, es vielleicht nicht mitbekommen weil ich unaufmerksam oder abgelenkt war? Oder waren sie gar so unbedeutend, das ich sie gar nicht wahrgenommen habe? Auch fragte ich mich, was ist, wenn man seine persönlichen drei perfekten Momente erlebt hat, ist das Leben dann vorbei?

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Auf der Suche nach meinen perfekten Momenten hab ich allerhandlei aus meinem Leben noch einmal gedanklich durchlebt, viel schönes und gutes, viel schlimmes und trauriges… aber war fühlte sich wirklich perfekt an?

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Erlebt überhaupt jeder Mensch solche Momente? Oder muß man erst danach suchen? Muß man erst danach gefragt werden, um sie überhaupt zu vermissen?

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Ich kann nun sagen, daß ich bei meinen allerersten Gedanken geblieben bin, ich habe nichts besseres finden können in meinen Erinnerungen. Zwei habe ich und ich hoffe ich werde den dritten auch noch erleben und vor allem erkennen als solchen.

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Falls jemand gerne wissen möchte was meine perfekten Momente waren, will ich gerne antworten:

Den ersten perfekten Moment erlebte ich als Jugendliche, ich war von zu Hause abgehauen und lebte einige Tage in einem Wald. Die Nächte waren kalt und das Essen sehr knapp. So saß ich beim Sonnenaufgang auf einer kleinen Anhöhe, die Sonnenstrahlen fielen schräg durch die Bäume und wärmten mich, die Luft roch wunderbar nach Wald und Frische. Um mich herum  war es ganz ruhig, nur der Wind bewegte einige Blätter hoch oben in den Bäumen und von unten hörte ich den Fluß rauschen. DAS war einfach PERFEKT!  Ich war frei! Ich wünschte das dieser kurze Moment nie vergeht,  zu gerne wäre ich für immer dort sitzen geblieben!

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Meinen zweiten perfekten Moment erlebte ich als junge Frau, ich saß alleine in einer leeren Küche. Das Haus hatten wir gemietet, wohnten aber noch nicht dort. Ich saß also in der Küche, sah hinaus in den kleinen Garten, es war ganz still. Staubpartikel tanzten in den Sonnenstrahlen und ich fühlte mich einfach glücklich, so behütet und angenommen.  Eine wunderbare Ruhe, ein wirklich gutes Gefühl zu sein –  sonst nichts. Noch heute kann ich den ganz leichten Staubgeruch riechen.

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Ich hab noch einen dritten perfekten Moment, aber ich bin mir nicht ganz sicher ob er das schon war – oder ob ich vielleicht noch einen anderen erleben werde.

Womöglich kann man doch mehr als nur drei perfekte Momente erleben, wenn man ganz viel Glück hat… wer weiß?

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011

die Kunst der ersten Schritte

Stolpern, hinfallen, erneut versuchen… wieder aufrichten und weiter gehts!

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Eigentlich müßte man nichts mehr schreiben, denn so geht es nun das ganze Leben weiter. Die Kunst ist eben immer wieder aufzustehen, immer wieder einen ersten neuen Schritt zu tun. Hoffen wir mal, er geht in die richtige Richtung. Hoffen wir mal, wir bewegen uns überhaupt.

Der schwerste Schritt ist immer der ERSTE! Man überlegt und zaudert und zögert und oft traut man sich nicht. Einfach einen anderen Menschen ansprechen? Einfach das  zu sagen was man wirklich denkt? Einfach tun und lassen was man möchte? Einfach Entscheidungen treffen und damit den Rest seines Lebens glücklich sein? Einfach nur auf sich selber vertrauen? Einfach…?

Es gibt so viele erste Schritte im Leben … die man nie macht … und in stillen Momenten denkt man wehmütig: „Warum bloß nicht?“  Doch erste Schritte lassen sich nicht nachholen, nur einen kleinen Augenblick kann man sie tun… wenn man den versäumt ist diese Chance vorbei.

Manch einer hat es schwer zu entschieden welcher erste Schritt nun der richtige ist … so viele Möglichkeiten liegen vor ihm.

Andere sehen ihre Bestimmung nicht, verharren und versäumen so ihr Leben.

Allen ersten Schritten gemeinsam ist, man muß sie tun!

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Und mein erster Schritt war diese Gedanken aufzuschreiben und nun denke ich über einen anderen ersten Schritt nach… und wer weiß vielleicht wird das der aller-beste-aller-tollste-erste-Schritt überhaupt in meinem Leben?

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Alles ist möglich… geh!

0372

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Zweisamkeit eben

Wütend ist sie… so wütend, daß sie kaum sprechen kann, also schreit sie und spektakelt… und er steht stumm daneben.

Nicht auszuhalten das – immer und immer wieder das gleiche! Hört das denn nie auf? Warum sagt er nichts? Er macht sie rasend mit seiner Ruhe!

Und er steht da und überlegt was sie wohl haben könnte, warum sie sich so aufregt? Er weiß es nicht, versteht es nicht.  Wie so oft bleibt ihm verborgen was sie umtreibt und wie so oft ist er ratlos.

Irgendwann  verstummt sie und irgendwann gehen sie zum alltäglichen Ton über, für dieses Mal ist es ausgestanden, für dieses Mal sind sie gerettet.