GruppenFotos

…gibt es kaum mit mir.

+

Da sehe ich Kinder auf der Treppe der grünen BarakenSchule, in der hinteren Reihe stehen zwei, der Mathias, der nun schon lange nicht mehr lebt und ich, einen Kopf größer als die anderen.  Die Haare irgendwie unvorteilhaft, viel zu kurz geschnitten, die Ärmel meiner Jacke auch.

.

Was war ich für ein Kind? War ich glücklich? Hab oft das Gefühl gehabt nicht dazu zu gehören, stand immer ein wenig abseits, paßte nicht zu den anderen. Mußte nicht stundenlang Hausaufgaben machen, durfte draußen herum streunern. Mußte nicht in die Kirche… mußte vieles nicht.

+

Eis schleckende Kinder, noch immer war ich in der grünen Grundschule, fotografiert bei einem Ausflug. Wo waren wir da nur? Auf einigen Bildern ist auch wieder Mathias neben mir zu sehen, der sich selber tötete als er gerade erwachsen war. Da ist  auch die Mimi, meine Freundin, die noch viel mehr Geschwister hatte als ich.

Namen fehlen mir, so viele Kinder, einige Gesichter wecken Erinnerungen, manche erkenne ich nicht wieder, so lange ists her… wer war  das denn noch?

.

Bei Mimi gab es nachmittags Brote, die wurden draußen vor die Haustür gestellt,  ich durfte mir dann auch eins nehmen. Paderborner mit Margarine, manchmal Leberwurst oder Schmalz…. das mochte ich eigentlich nicht, aber manchmal war da auch Zucker drauf gestreut, dann gings.

Das tollste aber war das kleine Holzbrett, vier kleine Rollen unten dran, damit sausten wir über den Garagen Vorplatz, hin und her, dutzende Kinder immer reihum, machten viel Lärm, hatten großen Spaß.

.

Bei Mathias gab es eine Haushaltshilfe zu Hause, die war immer da und manchmal bekamen wir etwas Obst von ihr. Seine Mutter war unsere Familien Ärztin, sie kam immer wenn wir sie brauchten, die Praxisräume waren unten im Keller.  Der Vater wohnte in der oberen Etage, der mußte immer Ruhe haben.

+

Komisch verkleidet, im Sommerlager mit der Pfarrei im Sauerland… da erkenne ich gar kein Gesicht wieder. Ich kannte sowieso nur ein oder zwei andere Mädchen und die waren zwei/drei Jahre älter. Mit acht oder neun Jahren sind zwei/drei Jahre echt viel, so lief ich zwar bei den „Großen“ mit, war aber eigentlich zu jung, auch wenn die Größe stimmte.

+

Ein KlassenGruppenFoto… in einer TropfSteinHöhle. Realschule, vielleicht 6. Klasse? Wir stehen aufgereiht, ich wieder ganz oben. Meine langjährige Freundin Gudrun, aber auch Brigitte und Tille, die Streberinnen… und.. ach, da weiß ich noch so viele Namen.

+

Die gleiche Klasse, aber später… Ausflug zur Villa Hügel. Wir sind älter, meinen schon fast erwachsen zu sein… eine lachende Barbara,  Gudrun, Brigitte, Christel und … ja auch ich lache!

.

Die Christel war etwas älter als wir anderen, eine Sitzenbleiberin, die hatte an diesem Tag knallblaue gefärbte Schuhe zur weiten Schlaghose an. Die Hosen nähten sich einige Freundinnen selber, saßen hoch und eng auf der Hüfte und wurden ganz weit unten am Bein. Schick fanden wir das.

.

Die Mutter von Brigitte hat mal mitten in der Nacht ein Buch, das ich ihre geliehen hatte, bei uns in den Briefkasten gesteckt.. eines von Harald Robbins.. sowas durfte ihre Tochter nicht lesen!

Brigitte hatte eine Jacke, die sie sich aus karierten Geschirrtüchern genäht hatte, ich beneidete sie sehr darum.

.

Ich erinnere mich noch an meine erste Lewis, Jahre hat es gedauert bis ich wirklich eine „echte“ bekam. Ich trug sie bis sie ganz hell war… und dann kaufte Brigitte sie mir noch ab.

.

Bei Gudrun hab ich manchmal übernachtet, zu mir kam sie aber nie. Später dann blieb ich sitzen  und sie bekam mit 15 ein Kind.

+

Noch ein Bild auf einem Schiff, wieder eine Klassenfahrt, ich war nun die „Ältere“ die Sitzenbleiberin… konnte mit den „Kindern“ nicht viel anfangen.. sie waren einfach zu jung und ich viel zu wild. Lange Haare wehen im Wind, verdecken mein halbes Gesicht. Irgendwo bei Trier muß das gewesen sein.

.

Eine schwere Zeit für mich die 8. und 9. Klasse, die Schule wollte mich loswerden, da ich auf die anderen Kinder einen schlechten Einfluß hätte, daß ich regelmäßig grün und blau geschlagen im Unterricht saß störte dort niemanden.

+

Bilder aus München, Bilder aus Fischbachau.. da kam ich zur Kur hin, ja  die Kasse zahlte das. Sechs Wochen Ruhe, keine Verfolgung, keine Prügel… zwar keine Kneippkur, aber trotzdem saß ich viel im Wirtshaus.

An die anderen Mädels kann ich mich kaum erinnern, wir waren eine wirklich große, bunt gemischte Gruppe, die wenigen Fotos zeigen mich inmitten junger Frauen… ich war die jüngste und tat ihnen leid.

+

Mit 16 gings dann ins Internat, eine gute Zeit, da gibt es aber keine GruppenFotos mehr.

+

+

Doch noch ein Bild habe ich gefunden, Jahrzehnte später, der beste aller Ehemänner und ich besuchten einen MalWorkShop.. da stehen wir beide mit Pinsel und Schürze mitten drin.

.

drei perfekte Momente

„Wenn ein Mensch von sich sagen kann, das er DREI perfekte Momente in seinem Leben erlebt hat… dann ist er reich!“

*

Ich lese oft, daß Frauen ihren Hochzeitstag als den perfekten Tag erleben oder die Geburt ihres Kindes. Da ich keine Kinder habe, fällt das schon mal weg bei mir. Und mein Hochzeitstag? Tja…?  Der war weder perfekt noch sonstwas, das war einfach nur der Tag an dem wir JA gesagt haben – ganz alleine – und fertig!

.

Vor einiger Zeit wurde ich  nach meinem perfekten Moment gefragt. Mir fiel sofort ein Moment ein, doch ich dachte, der kanns doch nicht gewesen sein und auch ein zweiter Gedanke war so unspektakulär, das ich ihn nicht aussprach.

So blieb die Frage nach meinem perfekten Moment unbeantwortet, aber ich dachte doch immer wieder darüber nach.  Eines Nachts träumte ich sogar davon und bekam eine Antwort. Den Anfangssatz hatte ich beim Aufwachen im Kopf … und je länger ich darüber nachdachte, desto wahrer wurde er für mich.

.

Hatte ich meine perfekten Momente schon erlebt, es vielleicht nicht mitbekommen weil ich unaufmerksam oder abgelenkt war? Oder waren sie gar so unbedeutend, das ich sie gar nicht wahrgenommen habe? Auch fragte ich mich, was ist, wenn man seine persönlichen drei perfekten Momente erlebt hat, ist das Leben dann vorbei?

.

Auf der Suche nach meinen perfekten Momenten hab ich allerhandlei aus meinem Leben noch einmal gedanklich durchlebt, viel schönes und gutes, viel schlimmes und trauriges… aber war fühlte sich wirklich perfekt an?

.

Erlebt überhaupt jeder Mensch solche Momente? Oder muß man erst danach suchen? Muß man erst danach gefragt werden, um sie überhaupt zu vermissen?

.

Ich kann nun sagen, daß ich bei meinen allerersten Gedanken geblieben bin, ich habe nichts besseres finden können in meinen Erinnerungen. Zwei habe ich und ich hoffe ich werde den dritten auch noch erleben und vor allem erkennen als solchen.

.

Falls jemand gerne wissen möchte was meine perfekten Momente waren, will ich gerne antworten:

Den ersten perfekten Moment erlebte ich als Jugendliche, ich war von zu Hause abgehauen und lebte einige Tage in einem Wald. Die Nächte waren kalt und das Essen sehr knapp. So saß ich beim Sonnenaufgang auf einer kleinen Anhöhe, die Sonnenstrahlen fielen schräg durch die Bäume und wärmten mich, die Luft roch wunderbar nach Wald und Frische. Um mich herum  war es ganz ruhig, nur der Wind bewegte einige Blätter hoch oben in den Bäumen und von unten hörte ich den Fluß rauschen. DAS war einfach PERFEKT!  Ich war frei! Ich wünschte das dieser kurze Moment nie vergeht,  zu gerne wäre ich für immer dort sitzen geblieben!

.

Meinen zweiten perfekten Moment erlebte ich als junge Frau, ich saß alleine in einer leeren Küche. Das Haus hatten wir gemietet, wohnten aber noch nicht dort. Ich saß also in der Küche, sah hinaus in den kleinen Garten, es war ganz still. Staubpartikel tanzten in den Sonnenstrahlen und ich fühlte mich einfach glücklich, so behütet und angenommen.  Eine wunderbare Ruhe, ein wirklich gutes Gefühl zu sein –  sonst nichts. Noch heute kann ich den ganz leichten Staubgeruch riechen.

.

Ich hab noch einen dritten perfekten Moment, aber ich bin mir nicht ganz sicher ob er das schon war – oder ob ich vielleicht noch einen anderen erleben werde.

Womöglich kann man doch mehr als nur drei perfekte Momente erleben, wenn man ganz viel Glück hat… wer weiß?

*

011

ein FrauenLeben

054

.

Sie saß mitten auf dem Tisch und wühlte mit den Händen im Kochtopf. „Sind das schon genug Kartoffeln?“ fragte Tante Maria… und schälte fleißig weiter.

.

Die kleine Küche war voller heißer Schwaden, sie saß am Tisch und die Mutter war mit der Wäsche beschäftigt. Mühevolle Arbeit, im Kochtopf auf dem Herd… dann ins Badezimmer und in der Wanne wurde ausgespült und ausgewrungen.

.

Gemütlich saß sie neben Opa auf dem Küchendiwan, die große gehäkelten Nackenrolle unter ihren Popo.  Opa las wieder einmal von Max und Moritz und dem Huckebein vor, geliebtes… bekanntes… immer wiederholtes!

.

Die Mutter nähte, die Maschine stand auf dem Küchentisch, die Sonne schien und sie saß still daneben.

.

Auf dem Küchenstuhl mitten in der Küche, die Mutter schnitt ihr die Haare, ganz kurz wie immer und im Nacken kitzelte das.

.

Die Familie beim Abendbrot, sie und ihre Schwestern, die Mutter noch am Herd, der Vater schmierte Brote… und plötzlich endete das in Schlägen, Geschrei und Verwüstung.

.

Immer mußte sofort nach den Mahlzeiten abgewaschen werden…  entweder spülen oder abtrocknen, aber helfen mußte sie fast immer… nicht sehr gerne.

.

Bei der Oma saß sie oft in der Küche, sie tranken Kaffee und es wurde geraucht. Sie durfte das eigentlich nicht… Sie sprachen über so vieles, nie ging ihnen der Gesprächsstoff aus.

.

Sie saß in der Küche und schminkte sich bei Frühstück, nur rasch, der Bus wartet nicht. Die übrige Familie aß im Wohnzimmer, man unterhielt sich hin und wieder durch die Durchreiche.

.

Ihre eigene kleine Küche, himmelblau… wie ihr Leben in jenen Tagen als sie noch nicht mal zwanzig war.

.

Die zweite eigene Küche, die war nicht schön, die war schon in der Wohnung drin gewesen und dort lag auch der Hund tagsüber. Sie spielte die eifrige Hausfrau und backte Weihnachtsplätzchen, einmal in ihren Leben!

.

Noch eine Küche, die nur notdürftig möbliert war, aber es reichte aus für das eine Jahr… und sie kochte und spülte… und die Katzen leisteten ihr Gesellschaft. Und noch immer war sie ganz jung und glaubte an ihr Glück.

.

Eine eingebaute Küche, nicht so schön, aber in blau und sie war nach hinten gelegen zum Garten. Als sie das allererste Mal in dem noch leeren Haus  dort saß, tanzten die Staubteilchen in den Sonnenstrahlen und es fühlte sich gemütlich und heimelig  an.

.

Eine Küche, die einer Fehlentscheidung entsprang und in der sie sich nie wohlgefühlt hatte… eine schlimme Erfahrung, viel Not und Leid.. und wenig Essen.

.

Ein Loch, wo ihr Herd stand… so leben Menschen nicht! Dort kochte sie, manchmal.. freudlos… geldlos…  ohne Hoffnung!

.

Eine alte Melkküche, riesig, häßlich, dunkel und kalt… eine abgeteilte Ecke, das war ihr Reich. Katzen, Hunde und noch mehr Katzen und Verzweiflung! Schmalhans war der Küchenmeister.

.

Eine neue Küche, auch nicht so schön,  in einem alten Hof, dort kochte sie wieder gerne, schaute aus dem Fenster in die Felder und fand kleine Stückchen von sich wieder.

.

Das eigene Haus, die eigene Küche, riesengroß und nicht sehr praktisch, aber egal, endlich… ENDLICH  in Sicherheit.

Viel und gerne kochte sie dort, fühlte sich wohl! Auch genäht wurde manchmal am kleinen Tisch und der große Tisch war voller Bastelzeugs. Frieden und Zufriedenheit… und durch die offene Tür kamen die Hunde aus dem Garten rein.

.

So vergingen die Jahre und sie kochte immer noch… nur ging alles nicht mehr so schnell.. es dauerte länger und alles fiel ihr schwerer.

Die große Küche unbenutzt, sie kann nun nicht mehr. Der Mann kocht Tee… sie muß Abschied nehmen.

.

 

 

 

…also bin ich!

Hm… ja, ja… schon gut!

Ich geb ja zu,  wer schreibt der ist… und wer fotografiert dokumentiert sein Dasein.

Hmmm…? und nun?

***

Unbegreiflich, wenn Leute nichts zu sagen haben, wenn sie keine Geschichten erzählen wollen/können…? WIE geht denn das?

Ich hab immer was zu reden mit mir und das innere ICH erzählt mir die tollsten Dinge. Wie sollte mein Leben wohl OHNE WORTE aussehen?

***

Unverständlich, wenn Leute nicht ihr Leben, ihre Umgebung ablichten wollen, einfach um zu bewahren was gerade ist. Wie sollte das gehen?

Ich seh so viel und ich möchte das aufbewahren und ich fotografiere fast ALLES! Wie sollte mein Leben wohl OHNE BILDER sein?

***

Unsäglich die Angst all das zu verlieren, wie sollte ich leben OHNE meine Worte und Bilder? Unsäglich die Angst vor dem unwillentlichen Vergeßen.

***

Der Versuch meine Realität/mein Leben zu bewahren, wenn das AltersDunkel mich zu verschlingen droht.

Der Versuch meine jetzt gelebte Vergangenheit ins Morgen mitzunehmen…

*

016

 

(dieser Text ist schon vor Wochen geschrieben worden.. und erst heute wußte ich, daß er meine Angst vor  Demenz und Alzheimer beschreibt und ich konnte endlich die Schlußsätze finden )

bist du glücklich?

Hmm…???

Da hat sie einer das gefragt von dem sie nichts hören möchte, den sie nie mehr sehen möchte, der seit Jahrzehnten vergessen war.

„Bist du glücklich?“

Was geht den das an und wie kommt er dazu ihr so eine Frage zu stellen? Das geht zu nah, das ist nicht OKAY, das überscheitet eindeutig Grenzen die sie gezogen hat.

„Bist du glücklich?“

Wie kann er es wagen sie überhaupt anzusprechen und wie kann er es wagen ihr solche eine Frage zu stellen? Sie ist verärgert. Sie will nicht darüber nachdenken. Sie will vor allem NIE wieder über ihn nachdenken.

Doch auch nach Wochen kommt die Frage immer wieder hoch.

„Bist du glücklich?“

Bis der Tag kommt und sie sich die Frage stellt, ganz leise, innendrin: „Bin ICH glücklich?“

…und das da eine winzig kleine Pause ist, so ein Luftholen, so ein Zögern… das macht sie nachdenklich.

„Bin ich glücklich?“ … Aber ja, sie hat allen Grund sich eine glückliche Frau zu nennen, da könnte sie so einiges aufzählen.

Warum kann sie dann nicht ganz einfach und ohne jeglichen Vorbehalt mit JA antworten?

„Gibt es überhaupt einen Menschen, der nur glücklich ist?“ fragt sie sich. „Ist das möglich? …oder brauchen wir Menschen nicht viel mehr auch das Unglücklich sein… um dann wieder schätzen zu können, wenn das Glück vorbeischaut?“

„Ja..-  Ja…!“ denkt sie und: „JAAAAAAAAAA!“ ruft sie laut, so daß die Katze erschreckt vom Schoß springt.

„So glücklich wie es eben geht… so glücklich, das ich ein zufriedenes Leben habe!“ und lächelnd lehnt sie sich zurück und denkt über ihr persönliches LebensGlück nach… und wie viel sie davon schon in ihren Leben bekommen hat.

066

ein FrauenLeben

…so müd geworden…

Sie war nicht nur körperlich müde, nein auch ihr Widerspruchsgeist wollte nicht mehr so recht, sie war verstummt. Alles kostete sie große Anstrengungen, es war so schwer immer wieder einen neuen Tag zu leben.

Viel Kraft und viel Energie … einfach so verpufft! So sah es zumindest meistens aus. Nur manchmal, ganz selten, bekam sie wieder etwas Auftrieb, wenn sie feststellte, es hatte doch alles einen Sinn. Sie hatte etwas verändert,  bewirkt, getan! Sie war als Beispiel genommen worden… oder ein Gedanke von ihr war aufgriffen und  weiter getragen worden.

(~~~ soweit ein Textentwurf , der schon mehrere Wochen alt ist. ~~~)

.. ihr ist als wenn es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt…

Sie fühlte sich immer mehr eingeengt, wie in einem Gefängnis. Ihre Gedanken waren träge und auch ihr Geist war schläfrig. Wiederholungen! Immer und immer wieder der gleiche Ablauf, keine Aussichten wirklich etwas zu verändern.

Erschöpfend und kräftezehrend der Alltag, der doch nur daraus bestand zu überleben. Einen Sinn sah sie schon lange nicht mehr. So trieb sie dahin im grauen Einerlei der Tage.

… sich im allerkleinstem Kreise dreht, … , in der betäubt ein großer Wille steht…

Alles nutzt sich ab, verliert den Glanz, wird stumpf und alt, so auch sie.

War es nicht erst gestern, als sie dachte die Welt gehöre ihr?

Wo waren die Tage der Jugend, als ihre Zeit unendlich war und nichts sie aufhalten konnte?

Voller Lebensmut und Kraft, angefüllt mit Ideen und Plänen, — fröhlich singend!

… dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille …

Illusionen… allesamt zerstoben, zerrieben, verloren, …

Selten noch erreicht etwas ihren Geist, noch seltener  ihr Herz, verschüttet unter den Ruinen eines Lebens, das nicht das ihre war.

Eine harte, alte Frau ist sie geworden und nur noch sie selber weiß manchmal, wie das junge Mädchen war, das sie einst gewesen. Verbittert und mutlos ist sie geworden, hat sie doch ihre Kämpfe nicht gewonnen.

Rar geworden die Momente der Erinnerung an große Ziele und Ideale, sie ermüden sie noch mehr und lassen sie ohne Hoffnung zurück.

…und hört im Herzen auf zu sein!

Die Tristesse hat sie ganz eingehüllt und wird ihr Leichentuch sein.

068 2

.

(Eines meiner Lieblingsdichte hat mich hier geleitet.)

Fehl-Konstruktion

Sie dachte wieder einmal, wie praktisch es doch wäre, wenn man einen großen Haken oben auf Kopf hätte, vielleicht könnte man sich dann selber wieder aus dem Alltagsmist ziehen.

Dringend nötig erschien ihr diese sinnvolle Vorrichtung und gerade heute wünschte sie sich so einen Haken.

Sie sah sich angehängt an einem großen Kran, drückte den Knopf für „HOCH“ , merkte wie sie nach oben gezogen wurde, merkte aber auch, das sie nur schwer aus dem Alltagsmist herauskam.

„So würde es sich in einem Moor anfühlen“, dachte sie, „zäh und besitzergreifend… und was es einmal hatte, wollte es nicht wieder hergeben.“

Alltagsmist hatte die gleichen Eigenschaften, unnachgiebig blieb man drin stecken, da konnte man strampeln soviel mal wollte, höchstens verlor man seine Schuhe dabei und steckte anschließend noch tiefer drin.

Sie überlegte, wie sie sich im wahrsten Sinne des Wortes wieder herausziehen könnte. Das ist gar nicht so leicht, denn wenn man sich erst mal in dem Alltagmist verfangen hatte, war auch gleich der Kopf wie benebelt und blockiert, ihr fielen die einfachsten Dinge nicht mehr ein.

Die Sonne, die sie im Sommer gekitzelt hatte… der Fuchs, der vor ihr über die Straße ging, sich umdrehte und sie freundlich ansah… die wunderbaren Vollmondnächte… der kleine Vogel, der ihr ein Lied trällerte… oder die Momente der Lebensfreude mit ihren Tieren.. oder das Lachen….

„DAS LACHEN? welches Lachen bitte schön?“ sie versuchte sie zu erinnern. Nein, es wollte ihr nicht einfallen wann sie das letzte Mal so richtig von Herzen gelacht hatte.

Es war ihr schon einmal abhanden gekommen und es hatte lange Zeit gedauert, bis sie es wiedergefunden hatte. Das war eine traurige Zeit gewesen, so ohne Lebensfreude und Fröhlichkeit. Sie wußte noch, wie schlecht sie sich damals gefühlt hatte und wie  sehr sie sich danach gesehnt hatte endlich wieder glücklich und unbeschwert lachen zu können.

Ach, wenn sie noch nur auf einen Knopf drücken könnte … und dann ging es aufwärts… nach oben, da wo die Sonne  der Lebendigen scheint, da wo das Lachen wohnt und da wo das Glück und die Zufriedenheit zu Hause sind.

Doch sie saß nur da, konnte den AufwärtsKnopf nicht finden, merkte wie der Alltagsmist sie tiefer und tiefer zog, schon steckte sie bis zu den Schultern drin… schon fiel ihr das Atmen schwerer… die Panik kroch hoch.. und sie verlor alle Hoffnung … dunkler, zäher, übelriechender Alltasgmorast hatte sie fast verschlungen.

*

Da brach sich ein einzelner Sonnenstrahl seine Bahn durch das Grau und erreichte ihr Herz… er brachte Wärme und neue Zuversicht. Kräftigt strampelte sie und kämpfte sich aus dem zähen Dunkelen… und mit jedem Stückchen nach oben wurde sie leichter, ließ allen Ballast hinter sich.

Und ja, sie war selber überrascht, aber bald schon  schwebte sie leicht und unbelastet mit einem glücklichen Lachen empor.

019

Was wäre wenn…?

Eine der Fragen, die man sich immer mal wieder stellt.

Was wäre wenn ich damals eine andere Wahl getroffen hätte…

Was wäre wenn ich nicht sitzen geblieben wäre…

Was wäre wohl, wenn ich nicht diese Entscheidung getroffen hätte…

Was wäre, wenn ich mich nicht verkracht hätte…

Was wäre wenn ich strebsamer und ehrgeiziger gewesen wäre…

Was könnte das heute für ein Leben sein, wenn ich … wäre es besser? Oder wäre ich unglücklich? Oder wäre ich eine einsame, alte Schachtel…. oder mehrfache Mutter…. oder …

Ja, sicher, man darf  hin und wieder mal überlegen was wohl geworden wäre… aber dann sollte man sich sagen: „Ich bin ICH und ich lebe mein Leben im JETZT und HIER, bin glücklich und zufrieden und bin für so vieles dankbar! Ach ja, und ich bin genau da wo ich hin gehöre!“

Begriffe…

So saß sie an diesem Abend da und war rechtschaffend müde. Nun wollte sie eigentlich nur ganz kurz etwas aufschreiben und kam bei der Suche nach diesem Begriff auf immer neue Dinge… wie das so ist im Leben.

Es fing damit an, daß es wohl nur „rechtschaffen müde“ heißen müßte, sie war verwirrt. Ja, hatte sie immer falsch gedacht?

Wir so oft, wenn es um Regeln und Zwänge ging, entschloß sie sich, es bei „rechtschaffend“ zu belassen.

Ein so schönes altmodisches Wort, ein Wort aus der Vorväter/-mütter Zeiten. Der Klang, als sie es mehrere Male aussprach, war alleine schon beruhigend und der Sinn vermittelte ihr Ruhe und Frieden, ja eine gewisse Befriedigung. So als wenn sie etwas geleistet hätte, mit dem sie zufrieden sein könnte.

Ist doch komisch manchmal… ein so einfaches Wort und schon fühlte sie sich gut, geborgen und genau richtig.

Etwaige Zweifel, die sie vielleicht noch an der Tagesgestalltung gehabt hatte, lösten sich in NICHTS auf.

„RECHTSCHAFFEND!“ — „..rechtes Schaffen…“—

“ GUT dem Dinge“ dachte sie, griff nach dem Glas und nahm einen Schluck von dem alkoholfreien Bier und hatte damit wieder eine Brücke ins JETZT geschlagen.

Schon stellte sie sich diese Brücke vor und je länger sie darüber nachdachte, um so prächtiger wurde diese. Natürlich beidseitig beleuchtet von verschnörkelten, gußeisernen Laternen, und schon baute sie Häuser auf diese Brücke, denn dort hatten immer Häuser gestanden.

Sie überlegte, ob das wohl allgemein bekannt war, das Häuser auf Brücken gestanden hatten… damals in den grauen Vorzeiten. Sie sah das rege Treiben, sie hörte die vielen Stimmen die Geräusche der Kutschen… das Rauschen des fließenden Wassers.

Wieder ein Schluck aus dem Glas, der letzte, und sie dachte: “ … ach ja.. MÜDE!“… sie stand auf, ging die alte Holztreppe nach oben und lag in wenigen Minuten im Bett. Schon bald war sie fest eingeschlafen und träumte von guten Taten und  belebten Brücken… und goldenem Laternenglanz.

ja FRÜHER…

FRÜHER, das war vor ganz langer Zeit, KinderLachen, SommerSonne, BlütenTräume.

…auch FRÜHER, als sie noch jung und voller Ideen und Illusionen war.

Und je länger sie an FRÜHER dachte, desto schöner wurde es, Ihr FRÜHER.

… und irgendwann hatte sie das JETZT übersprungen und war im MORGEN angekommen.