Die alte Kastanie

Schon als sie das erste Mal von weitem die alte Kastanie sah, kam sie ihr seltsam vertraut vor, fast wie ein langjähriger Freund.

Sie wurde so stark von dem Baum angezogen, daß sie durch den strömenden Regen den kleinen Hügel hinauflief. Durch die Nässe, war das Gras allerdings rutschig geworden und sie fiel zweimal auf die Knie. Egal, ob ihre Sachen schmutzig wurden, sie mußte jetzt sofort zu dem Baum.

Oben angekommen legte sie tastend eine Hand auf den alten Stamm… eine große Wärme durchzog ihren Arm und als sie auch die zweite Hand auf die alte Kastanie legte, schoß eine große Kraft durch ihren ganzen Körper. Noch nie hatte sie so etwas gefühlt. Energie durchdrang sie, sie sah den Baum durch die geschlossenen Augen in einem sehr hellen Licht.

Verwirrt wollte sie ihre Hände zurückziehen, doch das konnte sie nicht, zu stark war die Anziehung. So stand sie da und erlebte so unglaubliches, das sie es auch später nie in Worte fassen konnte.

Irgendwann fand sie sich mit dem Rücken an den alten Stamm gelehnt auf der nassen Erde sitzend wieder. Erstaunt stellt sie fest, das sie fast drei Stunden hier oben verbracht hatte… in der Hand hielt sie eine Kastanie vom letzten Herbst und einen kleinen verdorrten Ast.

Sie machte sich auf dem Heimweg, durchnäßt wie sie war, fror sie jetzt auch und zitternd kam sie schließlich in ihrem zuhause an. Eine Tasse Tee und eine heiße Wanne gönnte sie sich noch und fiel dann ins Bett. Die Kastanie und das Ästchen verwahrte sie sorgsam in einem Kästchen, warum das wußte sie selber nicht.

Am nächsten Tag, dachte sie noch über die Erlebnisse oben bei der alten Kastanie nach, konnte sich aber so recht keinen Reim darauf machen. Doch fuhr sie extra einen Umweg, um noch einmal den Baum zu besuchen.

Ganz vertraut fühlte sie sich, sobald sie ihre Hände auf den Stamm legte, ein Gefühl, als wenn sie endlich ihr Ziel erreicht hätte, als wenn hier und jetzt ihre Suche beendet wäre.

Vor allem vermittelte die alte Kastanie ihr eine tiefe Ruhe… und das was sie oft so dringend vermißte, Gelassenheit und inneren Frieden.

Es wurde zu einem täglichen Ritual, der Besuch der alten Kastanie. Sie sah wie die dicken klebrigen Knospen aufsprangen, die hellgrünen Blätter sich entrollten und die weißen Kerzen erblühten. Sie genoß das Bienengesumm, die warme Sonne und war einfach nur fröhlich und glücklich.

Nachts hatte sie angefangen zu träumen, erst sehr verworren und sie vergaß die Träume recht schnell. Bis sie sich ein Notizbuch auf den Nachtisch legte und ihre Traumerinnerungen sofort aufschrieb. Schnell bemerkte sie, das sie eine ganze Geschichte träumte, es ging immer weiter, jede Nacht. Immer die gleiche Person… und nach einer Weile wußte sie, das sie diese Person war.

Das war zuerst etwas erschreckend, denn diese Frau lebte vor einigen hundert Jahren, hatte ein sehr schweres Leben und hatte aber auch immer wieder die Ruhe und Kraft der Kastanie gesucht. Sie war eine sogenannte weise Frau, eine, die sich mit den Kräutern auskannte, die zu dem Vieh gerufen wurde, wenn dort Krankheiten  waren. Aber auch den Frauen stand sie bei, überhaupt war ihr Rat gefragt.

Als sie ihre Notizen immer wieder durchlas und immer tiefer in das längst vergangene Leben dieser anderen Frau drang, die sie aber auch irgendwie war, tauchten immer mehr Fragen auf.

War es möglich, das diese andere Frau eine reale Person gewesen war, konnte sie vielleicht irgendwo etwas über das Leben dieser Heilerin finden?

Es ließ ihr keine Ruhe, die Besuche der alten Kastanie, gaben ihr immer neue Rätzel auf und die nächtlichen Träume verwirrten sie zunehmend. Sie hatte fast schon Angst sich in all den vielen Eindrücken und TraumBildern zu verstricken.

Eines Tages sprach ein alter Mann sie an, er hätte sie jetzt so oft bei dem Baum stehen oder sitzen sehen, das er sich fragte, warum sie so oft dort wäre. Sie fand ihn gleich vertrauenswürdig und fing nach anfänglichem Zögern an zu erzählen. Erstaunt sah er sie an, hörte aber schweigend zu. Er könne ihr vielleicht einige Informationen geben, denn er befasse sich schon immer mit der Heimatgeschichte.

So verabredeten sie sich für den nächsten Nachmittag in dem kleinen Café im Dorf. In dieser Nacht träumte sie besonders schlimm, wachte auf und weinte ganz schrecklich, irgendetwas furchtbares war der Frau in der Vergangenheit geschehen, was das wußte sie nicht. Die restlichen Stunden der Nacht lag sie wach, an Schlaf war nicht zu denken.

Der alte Herr Lehmeier erwartete sie schon, als sie das Café betrat, kaum das sie sich hinsetzen konnte fing er schon an zu erzählen. Er hätte in den alten Schriften und Urkunden eine Frau gefunden, alles paßte und er wäre sich sehr sicher, das sie die Gesuchte sei.

Er konnte einige Einzelheiten berichten, wie und wo sie gelebt hätte und natürlich zu welcher Zeit. Da er sich bestens in der Heimatgeschichte auskannte, konnte er ihr auch erzählen, wie die Menschen ihr Alltagsleben bewältigt hatten. Ja, das alles stimmte mit ihren Träumen genau überein.

Sehr aufregt unterhielten sie sich und waren beide erstaunt, das alles so gut zusammen paßte. Nun stellten sie auch fest, das die Heilerin eine weit zurückliegende Vorfahrin von ihr gewesen sein mußte. Das war wirklich eine spannende Entdeckung.

Sie trafen sie noch einige Male, es wurden immer neue Dokumente, alte Schriften gesichtet und schließlich hatte man das Leben dieser Frau rekonstruiert. Erstaunliche Details konnte sie aus ihren Träumen beisteuern, die standen in keinem Register. Das Ende der weisen Frau war allerdings ein sehr schlimmes. Man bezichtigte sie der Hexerei, sie wurde gefoltert und später zum Tode durch den Strang verurteilt. All die Menschen, denen sie immer geholfen hatten, forderten ihren Tod.

Ein Grab konnten sie nicht finden, weder in den alten Kirchenbüchern noch in anderen Verzeichnissen. Sie waren darüber enttäuscht, denn vielleicht hätte eine Grabstelle noch mehr Aufklärung gebracht.

In dieser Nacht träumte sie den qualvollen Tod der Heilerin, sie hörte die Menge schreien und mußte all das Schreckliche miterleben, auch das die Leiche einfach dort in der Kastanie hängen gelassen worden war. Es hatte kein Grab für diese Frau gegeben.

Als sie erwachte, fühlte sie sich wie zerschlagen,  wieder war das Kopfkissen naß von ihren Tränen.

An diesem Morgen fuhr sie gleich zu der alten Kastanie und versuchte ganz bewußt dort etwas zu spüren. Es war nicht einfach, denn sie war sehr aufgewühlt.

Endlich kam sie innerlich zur Ruhe, konnte sich mit den Energien des Baumes verbinden, spürte wieder, das da noch mehr war und wußte endlich, das sie die weise Frau erspüren konnte. Über all die Jahrhunderte bekamen sie Kontakt, hatten diese beiden Frauen eine Brücke des Verstehens geschlagen und es war ein so schönes Erlebnis, wie sie es sich nie gedacht hatte.

Die Heilerin, der so ein großes Unrecht geschehen war, war nicht verbittert, sondern voller Liebe und Verzeihen, das teilte sie ihr auch mit.

Viele Bilder, großes Wissen wurden ihr übermittelt und bei jeden Besuch des alten Baumes verstand sie mehr. Kannte irgendwann alle Pflanzen, wußte was sie bewirkten und wie man mit ihnen heilen konnte. Das wertvolle Wissen, was mit den weisen Frauen untergegangen war, wurde ihr übermittelt.

Sie schrieb all das auf, später wurde daraus ein Büchlein und für viele Menschen war es ein hilfreicher Segen. Ihr Leben hatte sich in nur einem Jahr sehr geändert, sie hatte ihre Bestimmung gefunden, sie wußte wie man Mensch und Tier heilen konnte. Das sprach sich herum und immer öfter wurde sie nun um Rat gefragt.

Ihre Kraft, Lebensfreude und ihre innere Stärke bekam sie immer wieder von der alten Kastanie und auch von der weisen Frau, deren Geist sich vor Jahrhunderten mit dem Baum verbunden hatte.

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Die Frau am Fenster

-Ein  anderer Versuch-
 
Aus den Augenwinkeln sah ich eine Bewegung, oben im ersten Stock am Fenster. Ich sah genauer hin zum Haus auf der anderen Straßenseite, doch da war nichts.

In der nächsten Nacht meinte ich eine Gestalt dort oben an dem rechten Fenster stehen zu sehen, als ich mich aber umdrehte, um etwas genauer hinzusehen, war da wieder nichts.
 
So ging es eine lange Zeit, fast auf jeder Tour in der Nacht dachte ich, dass da hinter der Scheibe jemand stehen würde. Nur einmal, da stolperte ich, und fiel hin. Aus der ungewohnten Perspektive hatte ich  die Fensterscheibe ganz genau vor Augen, — und ja, da stand eine Frau. Ganz deutlich konnte ich sie sehen, und im nächsten Moment schien sie zu verblassen und ich starrte in ein leeres Fenster.


 

 
 
Irgendwie machte das alles einen unheimlichen Eindruck auf mich und ich dachte auch tagsüber oft an dieses Haus.
 
Dann änderte sich meine Tour und ich hatte andere Dinge im Kopf. Bis zu dem Tag, als ich angerufen wurde, weil ich einige verwilderte Katzen einfangen sollte.
 
Ein Haus, das schon längere Zeit leer stand sollte jetzt zum Verkauf angeboten werden. „Sie machen doch so was.“ fragte mich die nicht sehr sympathische Männerstimme. „Hier müssen sie auf jeden Fall weg. So oder so…“
 „Moment mal, was meinen Sie mit so oder so…?“
„Entweder Sie fangen sie hier weg, oder ich werde sie töten. Ich laß mir doch nicht ein gutes Geschäft verderben!“
 
Da ich so ein Gespräch nicht zum ersten Mal führte, wusste ich, er würde die Tiere töten, also machte ich mich gleich auf den Weg.
 
Es handelte sich um das Haus, in dem ich immer die Frau Nachts am Fenster gesehen hatte. Ich war schon überrascht, aber dafür blieb mir nicht viel Zeit. Der Anrufer stand schon da und wartete auf mich. Nachdem ich ihm erklärt hatte, das ich dafür einige Tage  benötigen würde, immerhin sollten etwa fünf oder sechs Katzen hier leben, übergab er mir den Schlüssel.
 
„Eine Woche! Wer dann noch hier ist, den vergifte ich!“
Ich schluckte meine Wut herunter und  versuchte höflich zu bleiben. „Ich werde mich bemühen bis dahin die Tiere eingefangen zu haben. Aber wer wird denn für die Kosten aufkommen? Sie müssen alle kastriert werden und die Unterbringung ist ja auch nicht umsonst?“
 
„Von mir werden Sie kein Geld bekommen. Was gehen mich diese Viecher an?“ höhnisch lächelnd stieg er in seinen bayrischen Luxuswagen.
 
 
Im Haus sah ich mich erst einmal um, ja, man sah, dass dort mehrere Katzen lebten, sie konnten durch ein Kellerfenster rein. Das Haus selber war in einem ganz guten Zustand, nur die Tür zu dem Zimmer oben, die war verschlossen.
 
Ich kam wieder, brachte Futter und stellte Fallen auf. Routine, wenn man sich um Katzen kümmert.
Zwei konnte ich schon am ersten Abend mitnehmen, eine weitere saß am nächsten Morgen in einer Falle.
Es waren aber noch Katzen da… nun stellte ich auch noch eine Falle im Garten auf, und hoffte, da einen ganz scheuen roten Kater zu erwischen.
 
Insgesamt gingen mir fünf Tiere in die Fallen und ich brachte sie zuerst zum Tierarzt, kastrieren, entwurmen…ansonsten waren sie alle gesund. Danach nahm ich sie zu mir und meinen Tieren.
 
Der Rote allerdings ließ sich einfach nicht fangen. Er war zu gewitzt und entkam mir wieder. Die Zeit wurde mir knapp, denn die Woche war fast um. Immer wieder sah ich die Fallen nach und legte neues Futter darin aus.
 
Da hörte ich aus dem verschlossenen Zimmer Geräusche. Vergeblich probierte ich die Schlüssel der anderen Türen aus.  Bis schließlich doch einer passte.
 
Die Tür schwang auf und ich sah ein möbliertes Zimmer vor mir. Mit einem hohen Krankenbett, ein richtiges Krankenzimmer eben… und auf dem Bett lag der große rote Kater.
 
„Ja, hallo Kater, du  bist mir ja einer. Ich hoffe, du bist nicht zu wild…“ leise sprach ich ihn an und ging dabei langsam auf ihn zu. Er blieb sogar ganz entspannt liegen und zeigte keine Angst.
 
So ging ich nach unten um eine Transportbox zu holen. Er lag noch immer auf der Tagesdecke und sah mir entgegen, sprang dann vom Bett und fing an der Holzvertäfelung an zu kratzen. Immer wieder guckte er zu mir, als wenn er sagen wollte, nun komm schon, hilf mir mal!
 
Ich sah mir die Holzwand genauer an. Da entdeckte ich eine feine Fuge und konnte ohne Mühe ein Brett lösen. Der Kater stand wartend neben mir.
 
Dahinter entdeckte ich  einen Hohlraum und darin lagen alte Hefte, so wie man früher die Schulhefte hatte. Neugierig zog ich sie hervor. Das waren Tagebücher, soviel sah ich sofort.
 
Der Kater lag wieder auf dem Bett und beobachtete mich. So setzte ich mich in den einzigen Sessel und schlug ein Heft auf. Eine kindliche Schrift, ja, das waren Eintragungen die mehr als 50 Jahre alt waren.
 
In dem nächsten Heft schrieb schon ein junges Mädchen und  erzählte von ihrem Leben. So konnte ich ein Frauenleben verfolgen und erlebte die erste Liebe dann später sogar die Hochzeit und noch später den Tod des geliebten Mannes mit.
 
Die Schreiberin hieß Viktoira und  ich konnte in den vergilbten Heften alles über ihr Leben lesen. Gute Zeiten, glückliche Zeiten, zufriedene Zeiten und zum Schluß leider sehr schlimme Zeiten.
Sie wurde krank, war  lange auf Pflege angewiesen, die Schrift wurde sehr zitterig und war oft nicht zu entziffern.
 
Im letzten Heft dann: „Ich fühle mich immer schlechter, kann nicht mehr alleine gehen und bin ganz auf die Gnade der Pflegerin angewiesen. Sie bringt mir nur wenig zu essen und kaum etwas Wasser. Meinen geliebten Kater habe ich schon lange nicht mehr gesehen.  Aber auf Fragen, bekomme ich keine Antwort. Ich fürchte mich vor ihr …so sehr!“
 
Der nächste Eintrag: „ Nun wird es wohl nicht mehr lange dauern, und ich werde sterben. Bekomme nur noch Medikamente, und fühle mich sehr schlecht. Meinen Kater wieder nicht gesehen.“
 
Dann folgten mehrere unleserliche Seiten, und zum Schluß: „ Sie hat mir gesagt, dass sie den Kater erschlagen hat. dabei hat sie höhnisch gelacht. Ich habe keine Hilfe zu erwarten. Niemand weiß, wie es um mich steht und ich kann auch nicht nach unten ans Telefon gelangen. Trotzdem versuche ich alles aufzuschreiben, das Wandversteck hat sie noch nicht gefunden.“
 
Erschüttert legte ich das Heft aus der Hand. Es war einfach unfassbar, sollte sich das alles wirklich hier abgespielt haben? Ich ging zum Bett, sprach mit dem Roten und wollte ihn streicheln. Ich griff durch ihn durch und er verblasste vor meinen Augen.
 
Erschrocken hielt ich inne…
 
Ich las nun auch noch den letzten Eintrag, der noch schlechter zu entziffern war: „ Sie versorgt mich nicht mehr und wartet auf meinen Tod. Alle Vollmachten hat sie ja schon und ich kann mich nicht zur Wehr setzen. Sie wollte nur mein Geld… sie kommt…“
 
Das Datum war der 14. April vor genau fünf Jahren.
 
 
Ich wusste nicht, was ich machen sollte. So ging ich erst einmal zum Nachbarhaus und erkundigte mich nach der Besitzerin des Hauses. Man gab mir bereitwillig Auskunft. Die Angaben in den Heften wurden bestätigt. Ja, sie wäre sehr schwer krank gewesen und zu Hause von einer Pflegerin versorgt worden. Bis sie dann schließlich gestorben sein.
Das sei aber schon lange her, so etwa fünf Jahre. Nein, etwas besonders wäre damals nicht aufgefallen…
 
 
Ich bedankte mich, und war mir wirklich nicht sicher, was ich nun mit diesem Wissen machen könnte. Ich ging zur Polizei. Diese wurde sofort tätig, die Leiche wurde sogar noch einmal untersucht und jetzt fand man große Mengen Gift. Die alte, kranke Frau Viktoria war ermordet worden.
 
Der Verkäufer des Hauses entpuppte sich als der Sohn der Pflegerin, diese hatte sich allen Besitz der Kranken erschlichen, Geld und auch das Haus. Jetzt konnte man das alles lückenlos aufrollen und ein heimtückisches Verbrechen kam zu Tage.
 
 
Ich versuchte natürlich den roten Kater zu fangen, aber er wurde nie mehr gesehen. Die Nachbarn erzählten mir, dass Viktoria einen großen roten Kater gehabt hätte, den sie über alles geliebt habe.
 
Bei meinem letzten Besuch wollte ich nur meine Fallen und Körbe abholen  und noch einmal nach dem Roten suchen.
 
Es war schon spät geworden und ich mußte mich beeilen, da es in dem Haus kein Licht gab.  So ging ich noch einmal durch alle Räume und kam auch in das obere Zimmer.
 
Im Dämmerlicht sah ich eine ältere Frau auf dem  Bett sitzen, der rote Kater lag auf ihrem Schoß. Sie winkte mir zu und lächelte und verschwand vor meinen Augen. Ich hatte keine Angst, sondern war einfach nur sehr überrascht, — auf der Tagesdecke konnte ich genau sehen, wo sie gesessen hatte.
 
 
Bisher habe ich das noch keinem Menschen erzählt, sie würden mich für verrückt halten

Die Frau am Fenster

Eine etwas längere Geschichte von Katzen, einem Mord und einem Geist 

Aus den Augenwinkeln sah ich eine Bewegung, oben im ersten Stock am Fenster. Ich sah genauer hin zum Haus auf der anderen Straßenseite, doch da war nichts.

 
In der nächsten Nacht meinte ich eine Gestalt dort oben an dem rechten Fenster stehen zu sehen, als ich mich aber umdrehte, um etwas genauer hinzusehen, war da wieder nichts.
 
So ging es eine lange Zeit, fast auf jeder Tour in der Nacht dachte ich, dass da hinter der Scheibe jemand stand. Nur einmal, da stolperte ich, und fiel hin. Aus der ungewohnten Perspektive hatte ich  die Fensterscheibe ganz genau vor Augen, — und ja, da stand eine Frau. Ganz deutlich konnte ich sie sehen, und im nächsten Moment schien sie zu verblassen und ich starrte in ein leeres Fenster.
 
 
Mich ließen die Gedanken an diese Frau einfach nicht mehr los.  Immer wieder dachte an sie, wer sie wohl war, warum sie sich immer sofort wieder zurückzog und ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen.
 
 
Dann sprach mich eines Tages im Herbst die Bewohnerein aus dem Nachbarhaus an, sie hatte mehrere Katzen  und wollte sie zum kastrieren bringen. Dabei brauchte sie meine Hilfe. Gerne stellt ich ihr die Transportkörbe zur Verfügung und vereinbarte auch einen Termin beim Tierarzt. Außerdem würde ich die Katzen hin und herfahren, da sie selber kein Auto hatte.
 
Als der Kastrationstag nun kam, erschien ich schon sehr früh bei ihr, um beim Einfangen zu helfen. Das ging alles sehr schnell, nur ein Kater fehlte.
 
„Das ist ja wirklich ärgerlich“, sagte sie. „er geht gerne in den Nachbargarten… Ob Sie einmal nach ihm sehen könnten. Er heißt Mikesch.“
Natürlich kam ich der Bitte nach, und befand mich bald in dem verwilderten Garten des Nachbarhauses. Es machte einen unbewohnten, verlassenen Eindruck, Haus und Garten wirkten sehr abweisend auf mich. Ich fühlte mich dort nicht wohl. Zum Glück lief mir der vermisste Miekesch schnell über den Weg und so konnte auch er zum Tierarzt gebracht werden.
 
Wie vereinbart brachte ich die Katzen später zurück, und wurde als Dank zu Kaffee und Kuchen eingeladen.  Wir sprachen über Katzen und die Probleme, die man mit ihnen haben konnte, aber besonders über die Freude, die sie in ein Haus bringen.  Die Frau sagte, „Meine Nachbarin hatte früher auch immer mehrere Katzen und zwei Hunde, sie war besonders tierlieb.“
 „Aber jetzt sieht alles da drüben verlassen und unbewohnt aus, besonders von der Gartenseite.“ erwiderte ich.
„Ach, das könne Sie nicht wissen, das ist schon einige Jahre her, da hat sich ein sehr schlimmes Verbrechen in dem Nachbarhaus abgespielt. Die Frau wurde von ihrem jähzornigen Mann brutal erschlagen und die Tiere die er erwischen konnte gleich mit. Es war einfach grauenhaft.“
Ich sah sie ungläubig an.
„Und ob sie es glauben oder nicht der Mikesch ist der Sohn der einzigen Katze, die das alles überlebt hat. Sie hatte sich im Dachgebälk versteckt und wir hörten sie erst Tage später. Mein Sohn konnte sie befreien, aber sie war halbverhungert und fast verdurstet. Sie brachte dann nur einen kleinen Kater lebend zur Welt, die anderen waren tot.“
 
 
Mir schossen die Fragen nur so durch den Kopf und ich platze damit heraus, das ich schon sehr lange meinte eine Frauengestalt da oben hinter der Scheibe zu sehen.
 
„Sie halten mich hoffentlich nicht für verrückt, aber ich habe sie auch schon dort gesehen.“ bekam ich zur Antwort. „Dort oben in dem Zimmer wurde sie gefunden.“
 
„Wollen Sie mir sagen, dass ich da nachts einen Geist sehe?“ ein Schauer rann mir über den Rücken.
„Ja, ich bin mir ganz sicher, das ist die Ermordete. Sie steht da und wartet.“
„Sie wartet? Auf wen?“
„Ich glaube, sie wartet auf ihren Mann, der bald seine Haftstrafe verbüßt haben wird.“
 
Da hatte unser nettes Gespräch eine unheimliche Wendung bekommen, und so ganz wohl fühlte ich mich auch nicht mehr. Bald verabschiedete ich mich und fuhr nach Hause.
 
 
Es vergingen einige Tage und ich dachte immer noch an die Frau am Fenster. Tatsächlich hatte ich sie auch wieder gesehen. Allerdings muß ich zugeben, das ich ganz schnell weiterfuhr.
 
 
Dann wurde ich noch mal um Hilfe bei den Katzen gebeten, es musste wieder einmal eine zum Tierarzt gebracht werden, denn sie hatte sich verletzt.
Bei der Gelegenheit fragte ich dann doch noch nach einigen Einzelheiten und erfuhr, dass der Mann schon in den nächsten Tagen entlassen würde.
 
„Und ich sage Ihnen, da wird was passieren, ich habe schon die ganze Zeit so ein komisches Gefühl.“
Erschrocken sah ich sie an, „Was meinen Sie damit?“
„Warten wir es ab.“ sagte sie nur.
 
 
 
Die Schlagzeilen im Lokalblatt zwei Wochen später: „Toter Mann gefunden! Tatumstände mehr als rätselhaft“
Man hatte die Leiche eines Mannes in einem verschlossen Haus gefunden. Er war brutal erschlagen worden und es schien außer Frage; dass dort kein anderer Mensch Zugang hatte.  Die Spuren zeugten nur von seiner Anwesenheit dort. In dem dicken Staubschicht fanden sich nur seine Fußabdrücke.
 
 
Sofort dachte ich an die geheimnisvolle Erscheinung am Fenster. Ich rief die Frau an und sie bestätigte meinen Verdacht. Ja, man hatte im menschenleeren Haus den erschlagenen Mann gefunden. Der Kater Mikesch hatte so lange an den Türen und Fenstern dort gekratzt, bis sie schließlich die Polizei gerufen hatte.
 
Als man die Türe aufgebrochen hatte, sprang der Kater sofort in das Haus, lief nach oben und schrie vor der Zimmertüre. Dort fanden die Beamten den Mann. Der Kater allerdings konnte sich nicht beruhigen und schrie immer weiter. Erst als man ihn aus dem Haus brachte beruhigte er sich wieder.
 
„Ich habs Ihnen ja gesagt, ich hatte gleich so ein Gefühl.“
„Komisch schient das ja wirklich zu sein.“ stimmte ich zu. „Aber es muß doch eine andere Erklärung geben?“
 
Wir unterhielten uns noch eine Weile und  die Frau versprach mir, mich auf dem Laufenden zu halten, falls sie noch etwas erfahren würde.
 
 
Meine Gedanken kreisten immer und immer wieder um diese Geschichte, sie ließ mir einfach keine Ruhe.
 
 
Wochen später las ich eine Anzeige, das in der Gartenstraße ein Haus zu verkaufen sein. Ich rief den Markler an, und wir verabredeten uns für einen Besichtigungstermin.
 
Ich war sehr erstaunt, das es sich um das Haus mir der Erscheinung am Fenster handelte.
 
„Ich sag es Ihnen am Besten sofort, dieses Haus werde ich wohl nicht kaufen wollen!“  informierte ich den Markler. 
„Sehen Sie es sich doch erst einmal an. Der Preis ist doch auch sehr interessant.“ versuchte er mich zu überreden.
„Sie wissen doch sicher auch, was hier passiert ist. Wollten Sie in so einem Haus wohnen?“ gab ich zur Antwort.
 
Er schloß  die Hintertüre auf, wir gingen hinein, aber ich hatte kein schlechtes Gefühl, sondern eher im Gegenteil. Ich konnte es nicht erklären, aber ich fühlte mich sogar willkommen.
 
„Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich mir das Haus mal alleine ansehe?“ fragte ich.
 
 
So erkundete ich zuerst die unteren Räume, sie waren fast alle leer, bis auf wenige Möbel.  Ich ging die Treppe hinauf und sah mir die Zimmer oben an. Als letztes ging ich in das Zimmer zur Straße, in dessen Fenster  ich immer die Erscheinung gesehen hatte.
 
Dort stand ein großer runder Tisch mitten im leeren Zimmer. Eine dicke Staubschicht auch dort.
Als ich dort stand, zeichneten sich auf einmal Buchstaben im Staub ab, ungläubig las ich mit.
 
„Ich habe meinen Frieden gefunden. Du kannst das Haus unbesorgt kaufen, ich werde nicht mehr wiederkommen!“
 
Ein Windhauch strich über mein Gesicht und ich empfand ein tiefes Gefühl der Ruhe und Geborgenheit.
 
 
 
Das Haus konnte ich zu einem sehr guten Preis erwerben und lebe nun schon lange Jahre dort. Erscheinungen oder andere unheimliche Begebenheiten hat es nie mehr gegeben. Nur kommen immer wieder neue Tiere hierher, die dann auch bleiben.
 

Bei Renovierungsarbeiten fand ich ein verstecktes Tagebuch, darin konnte ich miterleben, wie sehr diese Frau gelitten hatte, und wie trostlos ihr Leben gewesen war. Daraus erfuhr ich aber auch, das sie sich mit Hexerei und anderen magischen Dingen befasst hatte, sie schien über große Kräfte verfügt zu haben.