Der Tag als ihr Hals plöztlich alt war…

Sie konnte sich genau an diesen Tag, ja an diesem Moment erinnern, ach was, sie wußte die genaue Minute.

Sie stand auf, wollte sich auf den Weg machen und sah routinemäßig noch einmal in den Spiegel.

Alles Ok und schon hatte sie den Schlüssel ergriffen und streckte die Hand nach dem Türgriff aus… doch halt! Irgendwas war nicht in Ordnung?

Sie ging noch mal zum Spiegel und musterte sich genauer. Da! Ach mein Gott, da waren Falten an ihrem Hals. Entsetzt versuchte sie diese mit den Händen wegzustreichen… die Falten blieben. Gestern noch war alles ganz schön und glatt gewesen, heute nun sah ihr Hals 15 Jahre älter aus.

Das, was sie bei anderen Frauen immer so gräßlich gefunden hatte, das hatte sie nun ereilt. Sie hatte einen Truthahnhals!

Der Schock saß tief. Wie in Trance stieg sie ins Auto und fuhr zur Arbeit. All ihre Gedanken kreisten um diesen ALTEN Hals den sie plötzlich hatte.

Wie kann man in einer Nacht nur so altern? Der Schweiß brach ihr aus. Auch so ein vermaledeites Zeichen ihres Zerfalls… Das Alter klopfte unbarmherzig bei ihr an.

Die Kolleginnen empfingen sie mit verweinten Augen. Sie aber konnte nur an ihren alten Hals denken. Wie durch Watte hörte sie die Worte des Chefs, der ihr die Kündigung aussprach. Die Firma wäre insolvent…. der Niedergang hätte sich nicht abwenden lassen.

Ja, diese Worte erreichten sie… “der Niedergang läßt sich nicht abwenden“—

 Sie fand sich in ihrem Auto wieder und war erstaunt, wie sie dorthin gekommen war.

Mein Hals ist ALT ! Ich bin ALT! Mein Leben ist zuende! Der Niedergang hat begonnen… Wie ein Mantra gingen ihr diese Gedanken durch den Kopf.

Als sie an einer Ampel halten mußte, sah sie vor einem Hotel ihren Mann stehen. Erstaunt wollte sie ihn gerade anrufen, da kam eine junge, blendend aussehende Frau heraus und umarmte ihn.

Ihre Kehle war wie zugeschnürrt und ihr ging durch den Kopf: „…nicht nur alt und faltig, nein, auch noch betrogen! Dieser Scheißkerl…!“

Sie gab Vollgas!

An die nächsten Stunden hatte sie keine Erinnerung. Sie wachte in einem Krankenhaus auf und sofort war der Gedanke an ihren alten faltigen Hals wieder da.

Wie sollte sie nur weiterleben? Gebeutelt von diesen Hitzewallungen und auch noch einem Faltenhals? Nein, so hatte das Leben keinen Sinn, es konnte nur noch schlechter werden.

Resigniert sank ihr Kopf auf das Kissen zurück, da fiel ihr Blick auf ihre Hand. Der Schock war zuviel, braune Flecken und eine dünne, spröde, faltige Haut überzog ihren Handrücken— 

Schreiend brach sie zusammen. Gnädigerweise bekam sie von den nächsten Wochen nicht mehr viel mit, die Medikamente halfen dabei. Seeliges Vergessen, Ruhe und Frieden!

Als man sie nach einer sehr langen Zeit wieder entließ, geheilt wie es hieß, machte sie sich auf den Weg nach Hause. Ein unbewohntes, kaltes Haus mit einer dicken Staubschicht empfing sie. Ach ja, der Mann war ja tot. Irgendwie wurde ihr das erst jetzt so richtig bewußt.  Alles so leer und öde… aber er hatte es nicht anders verdient.

Routinemäßig sah sie im Vorbeigehen in den Flurspiegel, strich sich die Haare zurück und sah eine sehr alte, weißhaarige, gebeugte Frau…

Ja, jetzt fiel es wieder ein, der Tag an dem ihr Hals plöztlich alt war, damit hatte das alles begonnen

Donnas Schreibprojekt

Perfekt! Alles lief wie am Schnürchen…  

aufatmend zog sie die Tür hinter sich zu.

 

Noch ein letztes Nicken zu dem Mann, dann trennten sich ihre Wege.  Sie würden sich nicht wiedersehen.

 

 

Einige Stunden später ließ sie sich in den Sitz des Fliegers sinken, kurz nach dem Start fiel sie in einen tiefen traumlosen Schlaf.

 
Erfrischt erwachte sie und dachte über die letzten Monate nach: der Unfalltod ihres geliebten Mannes, diese schwarze, schwere Zeit, die folgte. Fast wäre sie nicht mehr aus diesem trüben, sie verschlingendem Strudel heraus gekommen.

 

Verzweifelung so tief und so  schrecklich…

 

Warum ? Die immer wiederkehrende Frage, warum ihr Mann, und warum wurde der betrunkene Fahrer des Autos nicht verurteilt? Wieso spazierte, und noch schlimmer, fuhr der immer noch draußen herum?

 

Verzweifelung, die in Hass umschlug, ein Gefühl so mächtig, das es sie aufzufressen drohte.

 

 

Bis dann die Leute von der „VdB“ bei ihr angefragt hatten. Zuerst hatte sie keine Hilfe annehmen wollen, doch dann, so ganz langsam, kam sie Stückchen für Stückchen zurück in ihr Leben.

 

Dabei hatten ihr die anderen Menschen bei der „VdB“ sehr geholfen, sie ALLE mehr oder weniger in ähnlichen Lebenslagen. Die Gespräche und die Gruppensitzungen gaben ihr neuen Lebensmut.

 

Erst ging sie nur einmal in der Woche zum Treffen, später dann immer öfter.  Sie fand wieder Tritt in ihrem Leben und fing zaghaft an, über ihre Zukunft ohne den geliebten Mann nachzudenken.

 

Ihre Stimmung war in Trauer umgeschlagen, die sie nicht abschütteln konnte, und immer wieder dieser alles verschlingende Hass in ihr…

 

Als sie dann zu einem Gespräch beim Vorstand des „VdB“ gebeten wurde, zeigte man ihr einen möglichen Weg auf. Einen Weg, um mit all ihren Gefühlen wieder ins Reine zu kommen. Die Wahl lag bei ihr. Das Angebot war sehr überraschend, und sie bat sich eine Bedenkzeit aus.

 

 

 

 

 

 

 

Sie nahm an und so traf sie sich mit dem fremden Mann. Sie wären in einer sehr ähnlichen Situation und er wäre ihr Helfer, mehr erfuhr sie nicht über ihn. Keinen Namen, keine Hintergrundinformationen, nur das er ihr Helfer sei, der ihr zur Seite stehen würde.

 

Die Bedingungen? Sie selber müsste sich bereit erklären auch einmal ein Helfer bei einer anderen Tat zu sein. Sie dürfe unter keinen Umständen darüber reden. Kein Außenstehender dürfe etwas über die Existenz des „VdB“ erfahren.

 

Das konnte sie akzeptieren, das wäre es ihr wert, ihren Seelenfrieden wiederzufinden.

 

Der Todesfahrer war aufs genaueste vom „VdB“ beobachtet worden und alle Einzelheiten seines Lebens waren  jetzt auch ihr bekannt. Er hatte schon einmal einen Menschen betrunken überfahren, der saß jetzt schwerbehindert im Rollstuhl. Seine Frau hatte ihn verlassen und er lebte allein in seinem großen Haus. Einzig die Zugehfrau kam noch zu ihm, hielt alles sauber und kochte für ihn.

 

Die Gelegenheit war jetzt gekommen,  er hatte einen langen  Urlaub gebucht und wollte in die Karibik, die Zugehfrau war freigestellt worden. Ein sehr günstiger Zeitpunkt.

 

Sie traf sich mit dem fremden Mann, sie beide bekamen  genaue Anweisungen und lauerten dem Todesfahrer vor seinem Haus auf. Leicht konnte er überwältigt werden.

 

Sie schleppten ihn  in das Kellergeschoss, dort wo sich der Pool und der Fitnessraum befanden. Innen gelegen und ohne  Fenster. Das war der passende Raum für ihre Pläne. Er wurde mit starkem Klebeband an einen Stahlstuhl gefesselt.  Der Stuhl selber stand im Fitnessraum, keine Möglichkeit von dort zu rufen oder von außen Hilfe zu bekommen.

 

 

Als der Todesfahrer zu sich kam und sich seiner Lage bewusst wurde, versuchte er zu verhandeln, er versprach alles, er bettelte und flehte.

 

Nein er bekam keine Gnade, ihm wurde auch nicht von ihr verziehen. Sie ließ ihn dort zurück, in der sicheren Gewißheit dort unten langsam zu sterben.

 

Nur den Grund, den nannte sie ihm noch…

 

 

Der „VdB“ oder auch „der Verein der Betroffenen“ war eine Selbsthilfegruppe. Richter, Rechtsanwälte, Polizisten, Ärzte und andere Persönlichkeiten hatten ihn schon vor Jahren gegründet. Eines hatten sie alle gemeinsam,  ihnen war ein lieber, nahestehender Mensch durch Gewalt genommen worden und die Täter wurden nicht bestraft und zur Verantwortung gezogen.

 

Diese Ungerechtigkeiten und Lücken im Rechtssystem wurden durch den Verein unauffällig behoben.

Die Sühnetaten wurden aufs penibelste geplant und ausgeführt. Die Menschen die diese Taten ausführten, kannten sich nicht und trafen sich nie wieder. Für die Tatzeiten hatten sie außerdem immer ein sicheres Alibi.

 

 

Ja, der „VdB“  hatte alles geregelt  und sie  konnte endlich ihren Hass vergessen, konnte wieder anfangen zu leben, denn dieser Mensch würde nicht weiter unbehelligt herumlaufen, dieser Mensch würde jetzt elendig sterben.

 

Ihren geliebten Mann brachte es ihr nicht zurück, leider nicht. Aber trotzdem hatte sie zugestimmt und war sehr froh darüber.

 

 

Nach einem sehr langen Flug stieg sie in Neuseeland aus dem Flieger. Ein unbefristeter Urlaub lag vor ihr. Eine Zeit nur für sie am Ende der Welt, wo sie so vieles entdecken würde… und vielleicht sich auch selber wiederfinden könnte?

 

Der Gedanke, dass sie später auch als Helfer bei einer Sühnetat dabei sein würde, nein, der schreckte sie nicht.  Denn darauf beruhte ja das System, das sich völlig Fremde gegenseitig halfen.