Land unter

Die Straßengräben sind randvoll, auf den leeren Feldern steht das Wasser. Der schwere, fruchtbare Lehmboden ist nicht mehr in der Lage den Regen aufzunehmen.

Tiefer gelegene Straßenabschnitte werden schon überspült und der Wagen kommt immer schwerer durch. Sturmböen peitschen nicht nur das Wasser übers Land, sondern drohen auch  ihr Auto von der Fahrbahn zu drücken.

Der Himmel ist dunkel, grau-schwarz, mit grünlichen Anteilen, Wolken jagen darüber  und formieren sich im Sekundentakt neu oder werden vom Sturmwind zerstreut.

Sie versucht die Fahrbahn durch die dichten Regenschleier zu erkennen, die Hände um das Lenkrad gekrampft. Wieder eine schwere Sturmböe und sie kann den Wagen gerade noch abfangen. Noch langsamer fährt sie jetzt, fast hat sie ihr Ziel erreicht.

Der Sturm hält einen Moment inne, erleichtert atmet sie aus, lockert die Arme und Hände und hört plötzlich wieder die Stimme aus dem Radio. Die Lokalnachrichten berichten von schwersten Sturmschäden  und warnen die Bevölkerung nicht die sicheren Häuser zu verlassen.

Unvermittelt bricht der Sturm wieder los, mit noch mehr Kraft und der Wagen droht nun wirklich umgeweht zu werden.

„Das ist der Nachteil der hohen Autos, die auch nicht sehr schwer sind, man kann sie einfach nicht halten…“ denkt sie und Angst macht sich breit.

Der kleine Wald ist als dunklerer Schemen rechts zu erkennen. Die hohen Bäume biegen sich vor der Wucht des Sturms, Äste brechen und sie hört das Splittern und Krachen durch das Heulen des Windes.

„Bitte, laß mich heile nach hause kommen!“ sie fängt an zu beten, ohne es eigentlich zu merken. „bitte…“

Das Gefühl der Verlassenheit und der Angst bemächtigt sich ihrer  immer mehr, Verzweiflung lähmt sie.

Nun noch die zwei Wiesen, dann das große Feld und dahinter müßte sie doch die großen Bäume in ihrem Garten schon sehen können. Angestrengt schaut sie durch die Scheibe, aber sie kann nichts erkennen, der Himmel hat den letzten Rest Helligkeit verschlungen.

Wütend rüttelt eine erneute Sturmböe an dem Wagen und ein großer Gegenstand wird vor ihr über die Straße geweht. Ein dicker Ast? Sie weiß es nicht, ist auch nicht wichtig, „…nur weg, nur schnell endlich hier raus… bitte!!! WO ist das Haus?“

Ein schwacher kleiner Lichtfleck taucht an der Seite auf, fast hat sie es geschafft. Die Erleichterung gibt ihr neuen Mut und sie fährt im Schritttempo in die lange Einfahrt die übersät von Bruchästen ist.

Sie stellt das Auto vor die Hintertür, versucht die Wagentür zu öffnen, doch der Wind drückt sie sofort wieder zu.  Eine kleine  Pause nutzt sie und schlüpft hinaus. Schon schlägt der Wind ihr die Tür aus der Hand. Tief gebeugt gegen die Sturmböen kämpft sie sich atemlos die wenigen Meter bis zur Haustür vor.

Nur mühsam bekommt sie diese auf und fällt fast in die Wohnküche.  Sie hat es geschafft, sie ist in Sicherheit! Die Erleichtung läßt sie aufschluchzen und sie sinkt auf den ersten Stuhl.

Wasser rinnt aus ihren Haaren, sie bemerkt es nicht sofort, erleichtert sagt sie „DANKE!!!“ und ist so froh wie lange nicht mehr.

Etwas später sitzt sie mit einer Tasse Tee und in ihren warmen, bequemen Hausanzug gekleidet auf der Couch. Noch immer heult der Sturm unvermindert ums Haus und immer wieder hört sie es draußen laut krachen.

„Sicher werden noch mehr Äste von den Bäumen gerissen,“ denkt sie. „Hoffentlich bleiben die großen Tannen stehen, sie könnten sonst gefährlich werden.“

An Schlaf ist trotz ihrer Erschöpfung lange nicht zu denken, doch irgendwann holt er sie doch ein.

Am nächsten Morgen kann sie dann die Schäden sehen, die großen Bäume haben sehr gelitten und die größte Tanne liegt abgebrochen im Garten. Das Auto hat auch einen dicken Ast auf die Haube bekommen und ist verbeult, das Dach des Schuppens ist fast ganz abgedeckt auch am Wohnhaus hat der Sturm an einer Ecke die Dachpfannen weggerissen. Die Erde ist schwer von Nässe und an vielen Stellen stehen große Wasserlachen.

Sie geht einmal um das Haus herum, sieht all das und sagt noch einmal ganz laut „DANKE!“ Es hätte noch viel schlimmer kommen können, denn das Wasser des Grabens steht nur wenige Zentimeter von der Türschwelle der Vordertür entfernt. Noch etwas mehr Regen und ihr Haus wäre überschwemmt worden.

„Wie klein und hilflos der Mensch doch ist, gegen die Kräfte der Natur richtet er nichts aus…“. der Gedanke geht ihr durch den Kopf .

Sie fängt an die ersten Äste aus dem Weg zu räumen, nimmt die zerschlagenen Blumenkübel auf… fängt an wieder Ordnung zu schaffen.

Der Sturm

 

 
Es fing schon um die Mittagszeit an. Der Wind nahm an Geschwindigkeit zu und er machte immer seltener mal eine Pause.
Es regnete und die Wolken stoben über den grauen Himmel, so schnell, das sich das Himmelsbild alle paar Minuten ganz veränderte.
 
Sie stand in der offenen Küchentür und schaute diesem Naturschauspiel zu. Ob die großen, alten Bäume auch diesem Sturm standhalten würden? Wären die Remise und der alte Schuppen stabil genug für einen derartigen Angriff der Winde?
Zweifelnd schaute sie zur alten Remise. Da, die ersten Ziegel flogen dort schon vom Dach. Mit einigem Schrecken dachte sie an die verfaulten, morschen Balken, ob das noch mal gut gehen würde? Schon so lange sollten dort Balken erneuert werden, aber bei der Größe hatte sie das immer weiter vor sich hergeschoben.
 
Seufzend machte sie die Türe zu, den Wind konnte sie allerdings nicht ganz aussperren. Alles hier war alt und nicht mehr so ganz in Ordnung.
„Das ist eben so!“ dachte sie. „Das Haus ist wie ich, alt und verbraucht…und allein!“
 
Ja, als der Mann noch gelebt hatte,  war alles repariert worden, er hatte fast alle Arbeiten selber machen können. Selbst als er schon nicht mehr gesund war, hatte er versucht alles in Schuß zu halten…
 
Das war nun schon einige Jahre her. Sie konnte diese Arbeiten nicht alleine ausführen, das Geld für Handwerker hatte sie nicht. So blieb sie in einem Haus, das immer mehr verfiel, ohne Aussicht etwas daran ändern zu können.
 
„Ich bin einfach zu alt, ich sollte längst nicht mehr hier sein,“ murmelte sie. Ja, sie sehnte sich danach Ruhe zu finden, den Frieden, in dem sie ihren Mann auch endlich wiedersehen würde.
 
Schweren Schrittes ging sie durchs Haus, kontrollierte, ob auch alle Fenster richtig verschlossen waren. Fast überall pfiff der Wind durch. Einige der Gardienen wehten in die Räume, so sehr zog es. Im Wohnzimmer hatte sie Decken von innen vor die Fenster gelegt, da war es nicht ganz so zugig.
 
Ja, es war schon sehr hart, alt, allein und ohne jede Hilfe zu sein. Der Sturm tobte ums Haus, rüttelte an den Türen und sie hörte die Bäume laut knarren. Mit großer Wehmut dachte sie an frühere Zeiten, da hätte sie sich nicht ängstigen müssen, da wäre ihr Mann neben ihr gewesen, da hätte sie sicher und geborgen gefühlt.
 
Ohne es zu bemerken, rannen ihr Tränen übers Gesicht. Einsamkeit, Angst um ihr zu Hause und der immer mehr zunehmende Sturm zerrten an ihren Nerven. Nicht mal mehr ein Tier lebte bei ihr, dass ihr etwas Trost hätte spenden können. Seitdem auch die letzte der alten Katzen gestorben war, hatte sie keine neuen Tiere mehr ins Haus geholt, sie war einfach zu alt, wer sollte sich nach ihr darum kümmern?
 
Sie döste etwas ein. Trotz der Gewalt des Sturms, schlief sie kurze Zeit später fest ein.
Träumte wieder den Traum, wie sie lachend in dieses alte Haus zogen, wie sie jung und kräftig und so voller Hoffnung waren. Sah viele glückliche Tage…
 
Sie schreckte hoch, da war doch was? Irgendwas hatte sie geweckt. Der Nacken schmerzte, da sie unbequem im Sessel geschlafen hatte. Es war inzwischen ganz dunkel geworden  und der Sturm tobte unvermindert ums Haus.
  Da! Sie hörte einen Hund bellen. „Mein Gott, das arme Tier! Was macht der da draußen?“ sie sprach zu sich selbst, wie so oft. „Nein, das geht doch nicht, da will ich mal nachsehen.“
 
Eine starke Windböe riß ihr die Tür aus der Hand. Sie hatte die  Lampe mitgenommen und leuchtete die Umgebung ab. Sie meinte ihn wieder bellen zu hören und rief nach dem Hund.
 
Vorsichtig, gebeugt und mit großer Anstrengung kämpfte sie sich um die Hausecke. Sie drohte hinzufallen, so sehr zerrte der Sturm an ihr. Aber was war das? Stand da nicht ihr Mann und winkte ihr? Freudig warf  sie sich wieder gegen den Strum. Ja, das stand er, er wartete auf sie…
 
 
Als Nachbarn die alte Frau einige  Tage später fanden, lag sie tot in ihrem Garten. Ein umstürzender Baum hatte sie erschlagen. Seltsam war nur, sie lächelte. Sie sah ganz jung und glücklich aus.