ein roter LehnSessel

Woher der plötzliche Wunsch nach einem roten LehnSessel gekommen war wußte sie nicht… nur er ließ sie nicht mehr los. Schon stand eine Stehlampe mit Stoffschirm daneben, gab gemütliches Licht, welches auch hell genug zum Lesen war. Ein Tischen fand sich ein, ein Schemel für die Beine… und sie sah sich dort gemütlich sitzen.

„Schön wäre es auch ein Kissen und eine warme Decke dort zu haben.“ … und so fügte sie diese dem Bild hinzu. Wie heimelig und gemütlich mußte es sein dort zu sitzen, ein Buch auf den Knien, neben sich eine Tasse Tee.

Schon überlegte sie wo sie sich diese Leseecke einrichten könnte… doch leider fand sie keinen geeigneten Platz, alles zu vollgestellt, einfach zu eng. Nun schalt sie sich: „Sei doch zufrieden mit dem Platz auf der Couch… dort kannst du doch gut sitzen.“

Der Wunsch nach dem roten LehnSessel verblaßte in ihrem Gedanken… doch nun sah sie plötzlich überall diese schönen altmodischen Sessel.

Im letzten Film saß der Großvater in genau so einem Sessel. In dem erleuchteten Wohnzimmer, an dem sie täglich im Dunkeln vorbeifuhr, standen sogar zwei solcher Teile. Dazwischen ein kleines Tischen, die Sessel sich leicht zugewandt, so daß man mühelos plaudern könnte wenn man dort saß.

Werbung in ihrem Briefkasten, ein Möbelhaus bot gleich mehrere verschiedene Modelle an, auch einen roten, genau so wie sie sich ihren LehnSessel wünschte. Mit hoher Rückenlehne, gepolsterten Armlehnen und „Ohren“. Sie überlegte, wie hießen denn die Dinger wirklich?  Suchte schließlich nach der korrekten Bezeichnung: „OhrenBackenSessel“ so stand es da.

Nachts träumte sie sich in ihren roten OhrenBackensSessel, las Bücher, fühlte sich so geborgen. Nach einer Weile stand auch ein Regal für all ihre Lieblingsbücher da, griffbereit darin die Dose mit Lakritz, zwei ihrer Bären saßen nun auch im oberen Fach, allerlei Kleinigkeiten sammelten sich an. Sie richtete sich mehr und mehr ein.

Die kleine gemütlich Kammer bekam einen warmen gelben Anstrich, noch mehr Bücherregale und einige ihrer Bilder hingen nun auch dort. Sie sah sich immer öfter  im warmen Lichtschein sitzen, nach eine Weile kamen auch die Katzen und Hunde und gesellten sich zu ihr.  Weiche Decken und gepolsterte Körbchen luden ihre Lieben zum Verweilen ein  und ein zweiter Lehnsessel stand eines Tages da.

Manchmal stand sie auch am Fenster und sah in den Garten, hörte die Vögel zwitschern, überlegte ob denn schon wieder Frühling wäre? Die Obstbäumen fingen an zu blühen und die ersten Blumen standen in den Beeten.

Sie saß nun immer öfter in ihren Sessel, guckte in den Flur und hatte die ganze Zeit das Gefühl das sie noch auf jemanden wartete. Hatte sich Besuch angesagt?

Manchmal stand sie auf und ging in die Küche, dort stand ein alter Kochherd, ein großer Tisch mit zwei Stühlen und einer Bank. Mit jedem Mal wurde es auch dort gemütlicher, schon standen zwei alte Küchenbüfetts da, einige Regale  und schönes Geschirr kamen hinzu. Irgendwann waren die Wände vertäfelt, unter dem Tisch lag ein großer Flickenteppich und oben drauf stand  ein blauer Krug mit Wildblumen und Gräsern.

Wenn sie jetzt aus der Küchentüre ging war die Luft warm, die Sonne schien und sie dachte: “ Ist es schon Sommer?“ Die Hunde tollten auf der Wiese und sie saß unter der großen Kastanie.  Immer wieder sah sie zur Einfahrt, doch das Tor war verschlossen. Kam da nicht bald noch jemand?

Sie sah sich ihr kleines weißes Haus an, wilder Wein überwucherte es an zwei Seiten, duftende Kletterrosen umranken die Küchentüre, „So hab ich es mir immer vorgestellt…“ ..und doch fühlte sie einen Verlust, eine Trauer die sie nicht benennen konnte.

In ihrem Häuschen hatte sie nach und nach alle Räume erkundet und auch diese wurden jedesmal gemütlicher und wohnlicher, doch sie war nicht wirklich glücklich, fühlte sich unvollständig und war oft traurig.

Die Abende verbrachte sie in ihrem roten Lehnsessel, umgeben von ihren Tieren… und wartete.

Vor dem Fenster sah sie nun bunte Blätter vorbei wehen. Die Blumen blühten noch strahlender, ein letztes Aufblühen vor dem kommenden Winter und die Nächte wurden merklich kühler. Oft stand sie nun mit den Hunden am dem  Tor der Einfahrt, doch es war verschlossen, sie konnte es nicht öffnen.

Die Katze auf ihren Knien schnurrte laut und sie schlief ein, das Buch rutschte unbemerkt aus ihrer Hand. „Hallo …Liebes….“ sie träumte,… eine Hand berührte leicht ihre Schulter. „Wach auf!“

ER war gekommen, endlich! Brachte die anderen Tiere mit, das kleine Haus war voller Leben und sie war glücklich.

Nun saßen sie beide in den roten Lehnsesseln und er sagte: „So hab ich es mir vorgestellt all die Jahre.“

Verwundert sah sie ihn an, „Wie meinst du das? Ich bin doch noch gar nicht so lange hier?“

„Ach, du bist schon seit fast 10 Jahren tot, ich hab so sehr darauf gewartet wieder bei dir zu sein. Schlimm war es als du nicht mehr aus dem Koma erwacht bist und ich dich irgendwann gehen lassen mußte. Es war so furchtbar einsam ohne dich und die Tiere haben dich überall gesucht.“

So sitzen sie da und halten sich an den Händen…

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Challenge – Tag 1

Der alte Mann und seine Hunde

 

Als die Frau krank wurde ging es ganz schnell, nur wenige Wochen und sie war tot. Das war nun auch schon bald 16 Jahre her und er dachte noch jeden Tag an sie.

So eine lange Zeit und noch immer fehlte sie ihm. Nur schwer hatte er damals in sein Leben zurück gefunden, am liebsten wäre er ihr nachgefolgt. WO immer sie auch sein mochte, er war sich sicher das sie auf ihn wartete. Aber da war ja noch das Julchen, ihre geliebte Hündin, die sich vor Trauer verzehrte, die nicht mehr fressen wollte… die auch nur zu ihr wollte.

Behutsam, jeden Tag ein bißchen mehr, hatte er  versucht Julchen aus ihrer Trauer zu holen… mit ganz viel Liebe und Geduld. Sie tat ihm gut und so  trösteten sie sich gegenseitig.

Viele Jahre ging er mit Julchen durchs Leben, ein gutes Team waren sie geworden und er war dankbar für ihre Gesellschaft. Doch irgendwann war auch Julchen am Ende ihres Lebens angekommen und er mußte sie gehen lassen. „Nein, sie soll  nicht leiden!“ sagte er zu dem Tierarzt und hielt sie bis zum Schluß ganz fest in seinen Armen.

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Wir leer war das Haus, wie unendlich verlassen kam er sich vor. Er dachte ernsthaft darüber nach seinem Leben ein Ende zu setzen.

Nur wenige Tage später hörte er zufällig, das Frau Lehmann, zwei Straßen weiter, verstorben sei und das die Erben ihren Hund nicht behalten hatten. Das Haus und das Geld JA, den Hund aber nicht, er war ins Tierheim abgeschoben worden. Die Nachbarin die ihm das erzählte sagte noch: “ Er kommt da gar nicht zurecht, er trauert so sehr der arme Kerl…“

Am Abend dachte er immer wieder über den Hund nach. Einsam, ohne sein Frauchen… ja…  er war wirklich ein armer Kerl. Er hatte Mitleid, kannte er Devil doch gut. Er hatte so gar nicht teuflisches an sich, im Gegenteil er war ein wirklich lieber, gutmütiger Hund der es sicher nicht verdient hatte in einem Heim dahin zu vegetieren.

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Früh am nächsten Morgen schon machte er sich auf den Weg… er wollte Devil zu sich holen. In dem Tierheim allerdings waren sie nicht begeistert, ein alter Mann wollte den Hund haben? Was wäre wenn er stürbe.. was wäre dann? Er sagte: „Der Devil ist auch alt, wir passen doch gut zusammen… und er kennt mich …“ Schließlich gaben  sie ihm Devil, denn sie wußten so alte, schwarze Hunde bekommt man nur schwer vermittelt.

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So gingen nun sie nun gemeinsam durchs Leben, der alte Mann und der Devil, der gar keiner war und er war so dankbar,einfach ein Traumhund. So lebten sie noch mehrere Jahre glücklich und zufrieden zusammen… bis auch Devils LebensUhr abgelaufen war, er starb einfach im Schlaf.

Der Mann trauerte sehr, aber dann dachte er: vielleicht gibt es doch noch einen Hund der mit mir leben könnte? Die Leute vom Tierheim wollten ihm keinen Hund mehr geben, er sei nun wirklich viel zu alt …

Das Haus war so leer und er überlegte was er denn eigentlich noch vom Leben hätte, am besten wäre er doch nun bei seiner Frau aufgehoben… aber trotz aller Trauer wollte er doch noch nicht den letzten Schritt machen.

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Man sagt es gäbe keine Zufälle… und es dauerte nur wenige Wochen, da sprach ein Nachbar ihn an,  ob er nicht vielleicht einen kleinen Hund nehmen könnte, jetzt da Devil nicht mehr sei. Er wäre auch schon älter, leider nicht besonders hübsch, leider auch herzkrank… und niemand wolle ihn aufnehmen. Er solle nun wohl eingeschläfert werden.. wenn nicht..

„JA!“ sagte er da schnell.

So kam Hildchen in sein Leben, sie freundeten sich rasch an. Hildchen war kurzbeinig, eher breit als lang, ja, sie war wirklich keine Schönheit, aber sie war sehr liebenswert.

Nun sah man den großen alten Mann mit dem kleinen, dicken Hildchen jeden Tag munter spazieren gehen. Je mehr sie draußen waren, desto schlanker wurde das Hildchen, es hatte ihr einfach die Bewegung gefehlt.

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Manchmal dachte er, was er doch für ein Glück gehabt hätte, seine geliebten Hunde gaben ihm so viel… doch immer öfter machte er sich nun Sorgen was aus Hildchen würde wenn er nicht mehr da wäre?

Er versuchte es in der Nachbarschaft, alle mochten ihn und seinen Hund, aber den womöglich übernehmen?.. NEIN, dafür fehle leider die Zeit. Immer häufiger dachte er nun an die Zukunft, oder besser gesagt an sein Ende, denn er merkte wie ihn die Kräfte verließen, er war nicht krank, aber doch sehr alt. Den Alltag zu bewältigen wurde für ihn immer schwerer und auch die täglichen Spaziergänge fielen nun kürzer aus.

Oft wachte er Nachts auf weil er sich um Hildchen sorgte.

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Und dann kam der letzte Tag im August, ein sehr heißer Tag. Er war wieder mit Hildchen auf dem Weg zum Park. Ob er nicht aufgepaßt hatte … oder ob es die Schuld des LKW Fahrers war, das ließ sich später nicht genau klären.

Für ihn war das nicht mehr wichtig… er würde endlich seine Frau wiedersehen und  all die Hunde.

Sie standen da am Ende der Straße, warteten schon und begrüßten ihn und das Hildchen voller Freude.
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der letzte Sonnenstrahl

Seitdem man sie hierher gebracht hatte, wollte sie nicht mehr essen, nicht mehr reden… nicht mehr leben.

Es war ihr einfach zu furchtbar hier liegen zu müssen, nicht aufstehen zu können, nicht mehr selbstständig zu sein.

Wie wichtig war ihr das immer gewesen, nur nicht auf andere Menschen angewiesen zu ein, alleine alles zu schaffen, auch wenns oft schwer gefallen ist.

 

„Die red nix, die bekommt nix mehr mit!“ sagte die Frau, die sie jetzt im Bett aufrichtete.  „Na, dann laß uns mal zügig machen, ist eh schon Feierabend.“ gab die andere zur Antwort.

Zimperlich gingen die nicht mit ihr um, sie stöhnte einige male schmerzerfüllt auf.

„Hab dich mal nicht so.. im eigenen Dreck willste sicher nicht liegen bleiben.“ kam die barsche Antwort. „Ach geh, ich sag doch, die merkt eh nix mehr. Mach dir keinen Kopf, da ist auch niemand der sie besucht- die blauen Flecke sieht eh keiner.“

Die Tür schlug laut zu, sie lag zitternd da, Tränen rollten aus ihren Augenwinkeln, tropfen langsam aufs Kissen. Ihr Mund war ganz trocken, sie hatte großen Durst. Der Becher mit Wasser stand nun aber auf dem Tisch, unerreichbar für sie.

 

Die Nacht war sehr lang, nur einmal ging die Tür auf, jemand sah ins Zimmer, war auch schon wieder verschwunden. Der Durst wurde übermächtig und sie merkte noch wie sich ihre Gedanken verwirrten.

 

Als sie erwachte, sah sie die Mutter am Küchentisch stehen die ihr gerade ein Pausenbrot schmierte und … — ach nein, die Mutter war doch schon so lange tot.

Sie versuchte sich zurecht zu finden, begriff langsam wieder, daß sie in diesem Heim war.. begriff die ganze Hoffnungslosigkeit ihrer Lage. Erinnerte sich, daß sie nicht mehr gehen konnte, wie hilflos sie nun war und wie ausgeliefert.

 

Ihr Mund war wie ausgedörrt und sie hatte starke Kopfschmerzen. DURST!!! nur daran konnte sie noch denken. In einen unruhigen Dämmerschlaf versank sie immer wieder, erwachte aber zwischendurch, war in vergangen Zeiten, kaum noch im hier und jetzt.

 

Aus der Dunkelheit glühte ein rotes Auge, weit da hinten, wo sie nichts mehr erkennen konnte. Was das ein Ungeheuer? Angst machte sich breit und der furchtbare Durst war immer noch da.

So Dunkel! Eine alles verschlingende Dunkelheit umgab sie, nur selten tauchte sie für einen  kurzen Augenblick auf, ganz verwirrt, verängstigt, voller Qual und Schmerzen…. fühlte sich einsam und verlassen.

 

Noch einmal schlug sie die Augen auf und ein einzelner Sonnenstrahl schien auf ihre Hand. „Oh, ein neuer Tag,  jetzt wird alles gut?“ dachte sie, sah zu wie der Strahl langsam ihren Arm herauf kletterte… ihre Augen fielen wieder zu.

 

Sie hörte die Wellen am Strand, spürte den salzigen Wind auf der Haut, den naßen Sand zwischen ihren Zehen, hörte die Mutter rufen: „Ilse, komm raus, es ist genug für heute!“… spürte die Sonne warm auf ihrem Gesicht.

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„Die hat es geschafft! Ruf mal den Doktor an, hat aber keine Eile…“

 

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und am Donnerstag geht die Welt unter

Sie wußte gar nicht mehr, wo sie es zuerst gehört hatte… oder hatte sie es in der Zeitung gelesen?.. am nächsten Donnerstag würde die Welt untergehen!

Sie hatte noch darüber gelacht, die Welt sollte schon so oft unter gehen… und sie drehte sich immer noch! Wieder und  wieder wurden Termine genannt, auch  alte Prophezeiungen  hervorgeholt… und immer erwiesen sich alle Ängste als unbegründet.

Doch schon einen Tag später sprach man überall vom bevorstehenden Weltuntergang. Konnte es denn vielleicht doch sein?

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Am nächsten Tag schon zeigte das Fernsehen Bilder von verstopften Autobahnen und Straßen, die Menschen waren auf der Flucht. Sie dachte noch, wie merkwürdig das war, flüchten, aber WOHIN?

In den Städten kam es zu Plünderungen.. die Armee versuchte zu sichern, doch das mißlang. Immer mehr zeigte sich die Gewaltbereitschaft der Menschen, ja, selbst vor Mord schreckten viele nicht mehr zurück.

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Sie war froh, so weit außerhalb zu leben, ihr Häuschen lag sehr abgeschieden,  fast versteckt. Schaltete sie den Fernseher oder das Radio ein wurde nur noch vom bevorstehenden Ende berichtet, von all den schlimmen Dingen die fast überall passierten. Hoffnung auf eine Rettung schien es nicht mehr zu geben,  sie bekam Angst.

Man hatte ja mit vielem gerechnet, daß die Menschen  selbst die Erde vernichten würden, daß die Ausbeutung schließlich zum Ende führen würde, Kriege, Naturkatastrophen… an all das hatte man gedacht, doch an einen Meteoriten, der die Erdbahn kreuzen würde, nicht. Dieser war gigantisch, die Menschheit hatten nichts womit sie ihn aus seiner zerstörerischen Bahn hätte bringen können.

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Panik beherrschte alle Menschen und es wurde schon von Selbstmorden berichtet. Die schwärzeste Verzweiflung zog sich rund um den ganzen Erdball.

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Sie lebte in diesen Tagen wie immer alleine mit ihrer alten Katze, sicher, sie saß öfter drinnen, hörte sich die Nachrichten an, was sollte sie sonst tun? Der Gedanke zu flüchten kam ihr nicht… der Gedanke ihr Leben zu beenden schließlich schon. Tabletten wären genug im Haus, aber was würde mit der Katze? Nein, sie konnte sie nicht töten, alleine zurück lassen aber auch nicht, ihre geliebte Mary!

So blieb sie einfach, saß draußen im Schatten der alten Kastanie, lauschte dem Wind und den Vögeln… so wie sie es immer getan hatte.

Überlegte, ob sie zufrieden sein könnte mit ihrem Leben? Nichts besonders hatte sie gemacht, war weder reich noch berühmt, hatte einfach nur ihr kleines AlltagsLeben gelebt… und doch fühlte es sich gut an.

Viele schöne Erinnerungen kamen und gingen, sie vermißte ihren verstorbenen Mann noch mehr als sonst. Dachte an Familie und Freunde von früher… und an Ereignisse die schon lange zurück lagen.

Die alte Mary lag wie immer schnurrend auf ihren Beinen, gedankenverloren streichelte sie das weiche Katzenfell. „Wir beiden Alten, wir werden einfach hier bleiben. Du hast es gut, du weißt nicht das die Welt bald nicht mehr existieren wird.“ sagte sie zur Katze und die schnurrte noch etwas lauter.

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Inzwischen  war schon der letzte Mittwoch auf Erden angebrochen, es gab kein Fernsehprogramm mehr und auch das Radio war verstummt. Seit gestern war auch der Strom ausgefallen, aber sie vermißte ihn nicht. Hatte sie doch alles vorbereitet, Wasser hochgepumpt, nur ein kleiner Vorrat, noch mal Brot gebacken und auch einige Thermoskannen mit Tee gekocht. Mehr brauchte sie wohl nicht mehr.

Es blieb nichts mehr zu tun… sie saß draußen, las ein bißchen, doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. So würde es also wirklich kommen das Ende der Welt, ein Trost, es würde zum Schluß wohl alles sehr schnell gehen, zumindest hatte man das gesagt, warum also Angst haben.

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Sie hatte ihr Leben gelebt… und es war ein gutes Leben gewesen! Die Befürchtung alleine irgendwo dahin zu siechen mußte sie ja nun nicht länger haben, auch um ihre geliebte Mary brauchte sie sich nicht sorgen… sie würden nun zusammen gehen.

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Der letzte Donnerstag brach an, sie stand schnell auf, die Dämmerung und den  Sonnenaufgang wollte sie nicht versäumen und ein letztes Konzert der Vögel auch nicht.

Leichter Morgennebel lag auf dem Land, der Himmel färbte sich ganz eben rötlich, die Vögel sangen so schön wie niemals zuvor… und sie saß mit Mary auf der Bank vorm Haus. Eine Tasse Tee neben sich, leider war er nicht mehr warm, Mary bekam noch ein letztes Leckerchen und sie aß eine Scheibe vom selbst gebackenen Brot.

Sie saß einfach nur da und genoß mit allen Sinnen, bis Tränen ihre Wangen herunterliefen, so wunderschön war dieser letzte Morgen.

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018

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Die flotte Feder – Vol. 2 im Februar

Noch nie erschien ihr ein WinterTag so trostlos,

…leer und kalt. Sie stand mitten im Wohnzimmer, konnte sich nicht bewegen, die Tränen liefen über ihr Gesicht und sie zitterte vor Kälte.

Nach einer lagen Zeit konnte sie sich wenigstens hinsetzen und die Decke um die Schultern legen, doch das Zittern hörte nicht auf. Sie weinte  immer noch, doch jetzt war es ein hartes Schluchzen, daß sie fast zu zerreißen drohte.

Lange saß sie zusammengesunken da, konnte einfach nicht denken, nur weinen und weinen… so furchtbar alleine hatte sie sich noch nie gefühlt.

Viel später fand sie sich in der Küche wieder, kochte Tee, ihr war so kalt, die Zähnen schlugen aufeinander. Mit einer Wärmflasche und dem heißen Tee lag sie dann im Bett, doch die Kälte war bis in ihr Innerstes gekrochen und sie zitterte immer noch stark.

Irgendwann fiel sie in einen Schlaf, der allerdings mehr einer Bewußtlosigkeit glich, als sie erwachte fühlte sie sich elend und krank.

Dann setzte die Erinnerung ein und sie brach erneut zusammen. „WARUM??“ schrie sie … immer und immer wieder… „WARUM??“

Die Erinnerungen an den gestrigen Abend waren so schlimm und taten so weh, daß sie nur noch sterben wollte.

Sie sah die Scheinwerfer, sah das glitzernde Eis auf der Straße … sah.. „OH NEIN!!! …“

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Sie hatten eine Einladung bei  Bekannten, fuhren gut gelaunt los und freuten sich auf einen netten Abend. Es hatte wieder geschneit, die Straßen teilweise tückisch glatt und so fuhr er sehr langsam und vorsichtig, aber sie hatten ja Zeit. Aus dem Radio kamen die alten Songs von Dean Martin & Frank Sinatra.. Oldies… so wie sie.

Sie sahen  einen Wagen in Graben liegen, natürlich hielten sie, Warnblinkanlage an, und leuchteten mit den Scheinwerfern direkt auf den verunglückten Wagen. Da bewegten sich doch noch Menschen?

Sie sagte: “ Ich rufe die Polizei…“ Er sagte: „Ich gucke mal ob ich helfen kann.“ „Zieh die Warnweste…,“ doch er war schon aus dem Wagen und lief los.

Versuchte die Türen zu öffnen, doch er bekam sie nicht auf. Sie sah jetzt auch ein Kind, es klopfte an die Rückscheibe und schrie.  Inzwischen hatte sie der Polizei alle Angaben gemacht, in wenigen Minuten würde Hilfe kommen.

Sie machte die BeifahrerTür auf, die Warnweste in der Hand und rief: „Die Polizei ist gleich da und die Rettungskräfte auch. Komm, zieh bitte erst die Weste an.“ Doch er hörte sie wohl nicht und versuchte weiterhin den anderen Wagen zu öffnen. „Bleiben Sie ruhig!“ hörte sie ihn rufen, „Hilfe kommt!“

Sie stieg nun aus und wollte zu dem verunglückten Auto…

Ein ohrenbetäubendes Krachen, Splittern, .. sie bekam einen Schlag, flog bis in den Acker.

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… dann beugte sich ein Mann über sie: “ Hallo, können Sie mich verstehen? Wie heißen Sie?“ Mühsam antwortet sie und fragte: „Wo ist mein Mann?“

Später lag sie in einem Krankenwagen, man kümmerte sich um sie. Ihr war zum Glück nicht viel passiert, nur Prellungen, eine kleinere Wunde am Arm und eine Gehirnerschütterung. „Wo ist mein Mann?“ aber niemand beantwortete ihre Frage.

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Bis ein älterer Polizist zu ihr kam und sie fragte was denn geschehen sei. Sie schilderte alles so gut sie konnte, „..aber bitte, wo ist denn mein Mann? Ist alles in Ordnung mit ihm?“

„Seien sie bitte ganz stark, ich habe eine schlimme Nachricht…“ erschrocken starrte sie ihn an. „Ich muß Ihnen leider sagen, daß ihr Mann tot ist. Ein LKW ist mit hoher Geschwindigkeit auf ihr Auto geprallt, der Fahrer hat nicht mehr rechtzeitig bremsen können.  So wurde ihr Auto  auf den verunglückten Wagen geschleudert und ihr Mann stand genau dazwischen. Wir konnten ihn nur noch tot bergen. Es tut mir so leid.“

Sie war wie betäubt, konnte und wollte nicht glauben was man ihr gerade gesagt hatte.

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„Sie hat einen Schock, wir nehmen sie mit in die Klinik.“ „Nein, ich will zu meinem Mann!“ wollte sie noch schreien… doch sie wurde bewußtos.

In der Klink kam sie wieder zu sich,  hatte starke Beruhigungsmittel bekommen, wollte aber nicht dort bleiben. Sie ging auf eigenen Wunsch, „…nach Hause!“  mehr konnte sie nicht denken.

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Als sie dann vor dem dunklen Haus stand, überfiel sie eine schreckliche Hoffnungslosigkeit, sie hörte noch das Taxi wegfahren, schloß auf und stand dann sehr lange Zeit einfach nur da, konnte sich nicht bewegen, war  wie versteinert.

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Als sie am nächsten Morgen den ersten Schock überwunden hatte versuchte sie klar zu denken.  Jeder Atemzug war eine Qual, jeder Schlag ihres Herzens tat weh.. immer der Gedanke, daß er nicht mehr da war. Sein Herz würde nie mehr im Gleichtakt mit ihrem schlagen, sie war alleine und meinte nur noch sterben zu wollen. Die Trauer verschlang sie wie ein schwarzer Abgrund.

Undenkbar, ohne den geliebten Mann … alles sinnlos!

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Nach einem furchtbaren Tag und einer unendlich langen Nacht, regelte sie alles was man regeln muß, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist. Die Polizei war gekommen, der ältere Beamte hatte noch einmal alle Fakten abgefragt und sie merkte, wie schwer es ihm fiel.

Als er schon gehen wollte fragte sie nach dem Kind, ob es ihm gut gehe? Da konnte der Mann kaum die Tränen zurückhalten, denn das Kind, seine Mutter und das Baby, sie alle waren bei diesem furchtbaren Unfall auch gestorben. Der LKW Fahrer lag schwer verletzt in der Klinik, sein Zustand sei kritisch.

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Danach saß sie lange am Tisch, Tränen hatte sie keine mehr, aber eine eisige Kälte war in ihr. „Das ist die Einsamkeit, nun habe ich nichts mehr zu erwarten. Mein Leben ist vorbei. Was soll ich hier ohne ihn? “ Die Gedanken gingen ihr immer wieder durch den Kopf. Familie hatte sie keine mehr, Freunde auch nicht, zumindest keine guten, eher einige flüchtige Bekannte… sie war nun ganz allein. Wofür sollte sie noch leben?

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Die kommende Nacht verbrachte sie mit dem Aufräumen des Hauses. Einige Papiere verbrannte sie im Kamin, andere legte sie sichtbar auf den Eßtisch.

Spülte die letzte Tasse und räumte sie in den Schrank. Ging noch einmal durch alle Räume… Erinnerungen …viele gute… einige wenige nicht.

Stand  dann auf der Terrasse, es war viel Schnee in den letzten Tagen gefallen. Nur ihre Fußspur war zu sehen und diese einsame Spur ließ sie aufschluchzen. Sie wußte, daß sie sich richtig entschieden hatte.

Die Sonne ging auf, es würde ein schöner Wintertag werden, der unberührte Schnee glitzerte wie tausende Diamanten, einfach wunderschön. Wie sehr hatten sie das geliebt… wie oft standen sie hier, Hand in Hand,  und erlebten gemeinsam den Sonnenaufgang. Sie wandte sich um, noch ein Blick zurück,  dann ging sie ins Haus und schloß die Tür.

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Den Schuß hörte niemand, denn ihr Haus stand sehr einsam, Nachbarn gab es nicht, aber es würde ein Brief bei der Polizei eingehen… morgen.

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jeder bekommt das was er denkt

Irgendwann fühlt sie sich leer.

Nein, das ist kein schlechtes Gefühl, da ist kein Mangel an irgendwas.. da ist einfach nur Leere.

Zuerst ist sie ein wenig erschrocken… so einfach leer zu sein.

Kein Bedauern, kein Hass, kein Glück, kein noch so winziger Funken Lebensglut… einfach nur Leere.

„Ich bin wie ein leeres Gefäß,“  dachte sie.“… warte nur darauf das ich gefüllt werde.“

Doch sie bleibt leer und dieser Zustand dauert so lange an das sie ganz vergaß, daß sie auch mal etwas anderes gewesen war.

Ein Mensch voller Lachen und Freude… mit übermütigem Witz und Schabernack… mit ernsten und traurigen Gedanken… voller Liebe und Trauer… ein fühlendes Wesen.

Sie, die nie geglaubt hatte, daß es mehr als nur dieses eine Leben geben könnte… die anders denkende  mit spöttischen Blicken und Worten bedacht hatte…

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So blieb ihr nur die Leere, die sie langsam ganz auslöscht.

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die Grauen… und wenn die Zukunft voller Wunder ist

Dieser lange Winter hat an ihren Reserven gezehrt. Die Speicher für gute Laune, Gesundheit und Kreativität sind leer.

Jeden Tag kamen die Grauen und wenn sie gingen  fehlte wieder ein Stückchen von ihr. Sie bemerkte es nicht sofort, aber die Energie Vampire waren überall um sie herum. Je länger der Winter dauerte, desto unverfrorener wurde sie angezapft.

Nachts in ihren Träumen erschien die blaue Frau, die eigentlich eine Göttin ist, sich aber lieber blaue Frau nennt, sie nahm sie bei der Hand und flog mit ihr zum Fenster hinaus. Höher und immer höher bis zu den Gipfeln des Weltenbaumes.

Da in den Wolken machten sie Rast und saßen Nacht für Nacht dort, schauten den Sternen zu und wenn sie erwachte fühlte sie sich erfrischt. Doch immer wieder aufs Neue kamen die Grauen, die Energie Vampire und sie fühlte sich schlechter und schwächer, bis sie meinte, nie mehr aufstehen zu können.

In dieser Nacht kam die blaue Frau und sagte ihr: “ Ich nehme dich nun mit, du bist alt und krank, bist du bereit mir zu folgen?“ Sie konnte nur noch nicken und schon fühlte sie sich empor getragen. Dieses Mal aber ging es noch höher bis zum Schloß über  den Wolken in dem die blaue Frau lebt.

Sie schlief und jedesmal wenn sie erwachte saß die blaue Frau bei ihr und schon schlief sie wieder ein. Doch irgendwann hatte sie ihre Energie und Kraft zurück und konnte aufstehen. Sie erkundete das riesengroße Schloß , alles war zauberhaft und überall gab es neue Wunder zu bestaunen.

Doch schon bald wurde sie immer stiller und mußte zugeben daß  ihr etwas fehlte. Die blaue Frau bemerkte es natürlich und fragte was denn los sei. Ob sie denn nicht glücklich hier oben im Wolkenschloß sei, ob sie denn nicht alles bekäme was sie sich wünsche?

Sie konnte nur nicken und fühlte sich undankbar, aber sie mußte zugeben, das sie nicht glücklich sein konnte.

Da oben im Schloß der blauen Frau gab es kein anderes Leben. Sei fragte: „Warum wachsen hier keine Blumen und wo sind die Bäume ? … und warum leben keine Tiere hier oben bei dir?“

„Weil ich mich um alles Leben sorgen muß, ich bin für die Lebenden da unten zuständig, hab einfach keine Zeit.“

„Warum hast Du mich denn mitgenommen?“

„Weil Du nicht mehr lebst, ich wollte dir nur eine Pause gönnen, bevor ich dich weiterbringe.“

„Wohin? Weiterbringen..?“ sie war zu neugierig  und löcherte die blaue Frau mit Fragen.

„Ich sehe schon, nun gibt es kein Halten mehr, “ sagte die blaue Frau lächelnd. „Du wirst mir keinen Frieden lassen bevor Du nicht alles weißt. Also gut… da du so erschöpft warst konntest du dir nicht mehr deinen Himmel aussuchen und deshalb habe ich dich mitgenommen.“

Sie schaute verwirrt, „…aussuchen?“

„Ganz recht, jeder Mensch kann sich seinen Himmel aussuchen, für den einen ist er so für den anderen ganz anderes, eben so wie der Mensch es sich wünscht. Überlege gut, es gibt nur eine Wahl.“

Sie senkte den Kopf, so viele Fragen… so vieles das sie wissen wollte. „Ob ich vielleicht meine Familie und einige meiner Freunde sehen könnte, die mir schon vorausgegangen sind? Wäre das möglich?“

Die blaue Frau nickte lächelnd, „Natürlich kannst du Besuche machen, aber erst einmal sollst du für dich ganz alleine entscheiden wie du hier sein möchtest.“

„Das ist doch ganz klar, ich möchte all meinen Tieren um mich haben, ich hoffe es geht ihnen allen jetzt gut. Ob sie mich wohl erkennen?“

„Wir können losfliegen, sobald du weißt was du willst.“ sprach sie blaue Frau. „Aha, du hast ja schon ganz genaue Vorstellungen, das erleichtert die Sache, also … los gehts!“

Sie nahm sie an der Hand und schon flogen sie über die verschiedensten Landschaften, sahen große Städte, die aber nichts glichen was sie von der Erde kannte.. sah so viel ungewohntes und unbekanntes, so daß sie oft nur staunen konnte. Weiter und immer weiter flogen sie… die verschiedenen Himmel wurden seltener.. es wurde immer einsamer…

Bis sie endlich in einem Tal landeten. Ein kleiner Fluß kam oben aus den Bergen. plätscherte munter über große Steine und floß in einen glasklaren See. Große, alte Bäume, bunte, üppige Blumenwiesen, die samtige Luft war erfühlt von wunderbaren Düften und… ja, und jetzt setzte ein vielstimmiger Vogelchor ein.

Staunend stand sie da, konnte nur immer wieder schauen, entdeckte schließlich ein kleines, altes, von Efeu überwuchertes, Haus, das beschützt unter einem riesigem Baum stand.

„So hab ich es mir immer vorgestellt,“ sie konnte nicht weitersprechen, denn nun kamen die Tiere . All ihre Lieben die sie im Laufe der vielen Jahren verloren hatte…Hunderte! .. Alle waren sie da, jung,  gesund, voller Lebensfreude und auch von ihr waren die Jahre abgefallen. Vergessen all das Schwere, vergessen die Grauen  und all die unerfreulichen Begebenheiten eines langen Lebens

„Ich laß dich nun alleine. Adieu!“ sagte die blaue Frau.

„Ich hab aber noch so viele Fragen…“ doch die blaue Frau unterbrach sie : “ Stell sie doch den Menschen die schon länger hier sind. Sie haben auf dich gewartet und werden sicher bald vorbeischauen. Bis dahin lerne deinen Himmel erst einmal kennen.“

Sie bedankte sich sehr und machte sich auf ihre eigene neue Welt zu erkunden. Glücklich und voller Lebensfreunde lief sie und rannte laut lachend, begleitet von den Tieren, bis sie ans Ende des Tals kam. Dort war eine hohe, alte Mauer.

Ein kleines Tor das sie vorsichtig aufmachte und dahinter warteten noch viel mehr Tiere, elend, geschunden, und voller Pein. Tränen schoßen ihr in die Augen und sie machte das Tor weit auf: „Kommt! Kommt ALLE!“ rief sie.

Und die Tiere kamen, kaum aber schritten sie über die Schwelle, fielen alle Qualen von ihnen ab und auch sie waren wieder jung und voller Lebenskraft. Es war eine Freude zu sehen wie sie übermütig durch das saftige Gras sprangen. Es kamen nicht nur Hunde und Katzen, nein Ziegen, Esel, Kühe, Pferde, Schweine, auch Hühner und anderes Getier.

„Ja, ich bin wirklich in meinem Himmel!“ dachte sie dankbar.

Alles wofür sie ein Leben lang gekämpft hatte, oft leider vergebens, schien sich hier zu Erfüllen. Eine unendliche Dankbarkeit war in ihr, ein warmes Gefühl der Geborgenheit, ein Glücksgefühl und eine Zuversicht, die sie nie vorher empfunden  hatte.

Später als sie in ihrem kleinen Häuschen bei einer dampfenden Tasse Tee saß, viele ihrer geliebten Tiere um sich herum, konnte sie immer nur wieder nicken und denken:031 „Ich bin wirklich angekommen!“

Der rote GlücksHut

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In einer stürmischen Regennacht vor über 25 Jahren blies der Wind ihr einen roten Hut vor die Füße.

„Du kommst mir gerade recht!“  Sie hob ihn auf, „Hey, danke Bruder Wind!“ rief sie in den Sturm. Er paßte wie angegossen und so kam sie fast trocken durch den Regen.

Von da an begleitete der rote Hut sie, von einer Tasche in die andere  wurde er gepackt und bei Regen hervorgeholt.

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Da sie jede Nacht unterwegs war, leistete der rote Hut ihr gute Dienste und manchmal rief sie übermütig: “ Ich danke dir Bruder Wind, ich danke dir sehr für meinen roten Hut!“

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Es war an einem Dienstag im Mai, der rote Hut begleitet sie schon mehr als zwei Jahre, es regnet leicht und sie trug ihn natürlich. Als eine plötzliche starke WindBöe ihr den Hut vom Kopf riß, er flog hoch und der Wind spielte mit ihm.

Weiter und immer höher flog der rote Hut und sie rief: „Bitte gib mit meinen roten Hut wieder Bruder Wind!“

Da landete er auf der anderen Straßenseite noch hinter dem Graben in einem Gebüsch. Sie lief gleich hinüber, leider kam sie so nicht an ihn heran. Dafür mußte sie erst mal den Graben überwinden, das war nicht so leicht, doch dann stand sie drüben und die Dornen der Brombeeren zerkratzten ihre Hände.

Unbedingt wollte sie ihren roten Hut wieder haben und so biß sie  die Zähne zusammen und griff sich den Hut. Nun hing sie aber ganz in den dornigen Ranken fest.

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Ein ohrenbetäubendes Krachen ließ sie herumfahren und etwas traf sie an der Schulter. Gerade sah sie noch wie ein Wagen sich in die Hauswand bohrte. Genau da hatte sie vor wenigen Augenblicken noch gestanden!

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Im Haus gingen die Lichter an, aufregte Stimmen waren zu hören und ein Mann kam um die Ecke gelaufen.

Sie riß sich los und sprang zurück auf die Straße, den roten Hut fest in der Hand.

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Später als die Polizei und der Rettungswagen da waren: „Ihr Fahrrad ist total zerquetscht, der Wagen hat es ganz überrollt, da haben Sie aber sehr viel Glück gehabt,“ sagte der Polizist zu ihr. „Hätten Sie da gestanden, Sie wären tot!“

Sie mußte sich erst einmal setzen, nun kam der Schock. Sie sah, wie die Feuerwehrmänner den Fahrer aus dem Autowrack mit schwerem Gerät befreien mußten, wie der Notarzt sich um den Mann bemühte… und viel später wie er abtransportiert wurde, er hatte den Unfall nicht überlebt.

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Dieses Erlebnis steckte ihr lange in den Knochen, darüber mußte sie immer wieder nachdenken. Hätte der Wind ihr nicht den Hut vom Kopf gerissen… komisch, nur eine einzige starke Böe in der ansonsten windstillen Nacht hatte ihr das Leben gerettet.

„Bruder Wind ich danke dir!“ diesen Gedanken wiederholte sie immer wieder im Geiste.

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Der rote Hut begleitete sie noch viele Jahre und es gab noch einige Situationen, wo er sie rettete oder vor Unheil bewahrte. Sie hatte irgendwann begonnen mit „ihrem roten GlücksHütchen“ zu reden.

Durch glückliche und traurige Tage ging sie mit ihrem roten Hut, ja,  sie setzte ihn jetzt immer auf auch wenn es nicht regnete.

Er war zur einzigen Konstanten in ihrem Leben geworden.

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Alles hatte sich verändert, sie war alt geworden, nicht mehr gesund und nun auch noch ganz alleine. Der Tod hatte ihr nach und nach all ihre Lieben genommen.

„Ach, rotes Hütchen, nur du bist mir geblieben“, sagte sie oft. „Ich wünschte Du könntest mit mir in die Ewigkeit fliegen, dort wo schon alle auf mich warten. Bruder Wind, ich bitte dich, nimm uns mit!“

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Sie war so traurig und so alleine das sie nur noch diesen einen Wunsch hatte.

Immer und immer wieder bat sie den Bruder Wind um diese letzte Reise.

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In einer sehr stürmischen Nacht stand sie wieder draußen, der Wind zerrte und rüttelte an ihr und sie hielt mit aller Kraft ihren roten Hut fest.

Da erfüllte der Wind ihre Bitten. Er hob sie hoch empor, wirbelte sie herum und ihr ausgelassenes Lachen verschmolz mit  dem Singen der Winde, denn es waren gleich alle vier Brüder in dieser Nacht zu ihr gekommen.

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Nach dem Sturm fand man eine alte Frau  hoch oben in einem Baum.

Sie war tot, aber sie lächelte und hatte einen roten Hut auf dem Kopf. Als man sie später herabließ …. flog der rote Hut mit einem Windstoß davon.

 

 

 

auf der Bank…

Sie saß alleine auf der Bank, da oben auf dem Berg, schaute ins Land und war guter Dinge. „Wie schön es doch hier oben ist“, dachte sie. „..wie friedlich! Ich liebe es hier zu sitzen.“

Da setzte sich eine Frau neben sie und das war die Traurigkeit, sie sog alle Freude in sich auf, zurück blieb nur graue Melancholie. Die Sonne verdunkelte sich, der Himmel verlor seine blaue Farbe, die Landschaft sah grau/braun und trostlos aus. Kein Vogel erhob sich in die Lüfte und keiner stimmte mehr ein Lied an.

So saß sie nun da auf der Bank, oben auf dem Berg, nicht mehr alleine und war unendlich traurig. Alles schien seinen Sinn verloren zu haben und sie überlegte, warum sie überhaupt hier sei.

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Am nächsten Tag saß sie wieder alleine auf der Bank, oben auf dem Berg, sah auf eine trostlose Landschaft und einen fahlen Himmel. Kein Fünkchen Lebensfreude war mehr in ihr.

Da setzte sich eine Frau zu ihr und das war die Hoffnungslosigkeit, sie sog alles lebendige, alles frohe und schöne in sich auf und zurück blieb ein schwarzer Abgrund.

Sie saß auf der Bank, da oben auf dem Berg, nicht mehr alleine und war überwältigt von Hoffnungslosigkeit und war es so müde, daß sie am liebsten tot sein wollte.

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Sie saß sie ganze Nacht auf der Bank, fror bis ins Innerste, war erstarrt und ohne jede Möglichkeit sich je wieder bewegen zu können. „So soll er denn kommen der Tod, er wird mir ein guter Freund sein!“ dachte sie und schloß die Augen, denn außer einer undurchdringlichen Finsternis sah sie nichts mehr.

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Da setzte sich am nächsten Morgen eine Frau zu ihr und diese war licht und strahlend, sie brachte all die Farben zurück, alles lebendige und auch die Freude, das war die Zuversicht.

Sie saß auf der Bank, ganz oben auf dem Berg, im hellem Sonnenlicht, die Vögel zwitscherten, die Eichhörnchen sprangen von Baum zu Baum, die Blumen auf der Wiese dufteten… und sie war so dankbar.  „Wie ist das Leben doch schön!“ dachte sie voller Freude… und konnte sich gar nicht satt sehen an all den Wundern um sie herum.

„Ich danke Dir Zuversicht, ich danke dir von ganzem Herzen!“ sagte sie, doch als sich umwandte saß sie nur wieder alleine auf der Bank.

10

…Relikt

Die Sonne ging an diesem Morgen hinter den Nebeln auf. Nur ein ganz leichter Schein, ein wenig rosa, ein kleines bißchen rötlich, sie konnte es mehr ahnen, als das sie es sah.

Sie setzte sich in ihren Wagen, Musik kam aus dem Radio und fuhr in den Nebel. Die Straße wurde fast ganz verschluckt und die umgebende Landschaft schien ganz weg zu sein.  Hin und wieder ein leichter Schatten, das war einer der großen alten Bäumen  in der Allee.

Sehr vorsichtig fuhr sie und versuchte nicht die Orientierung zu verlieren. Mußte sie denn nicht längst an der Kreuzung sein?  Da wollte sie abbiegen um in die kleinen Feldwege zu kommen,  von dort hatte man freie Sicht und konnte in Ruhe fotografieren. Schon oft war sie dort gewesen.

Sie war wieder einmal auf der Jagd nach dem Sonnenaufgang, das liebte sie und versäumte ihn fast nie. Die Kamera lag griffbereit auf dem Sitz und sie hatte ihr Fenster heruntergekurbelt.

Plötzlich wurde die Straße uneben und sie rumpelte in Schlaglöcher. Das konnte doch nicht sein, sie war ja nirgendwo abgebogen. Sie versuchte zu erkennen, wo sie  war.

Weißer, milchiger Nebel, der immer dichter wurde, hatte sie eingeschlossen und als sie anhielt und ausstieg fühlte er sich feucht und kalt an. Verwirrt versuchte sie einen Anhaltspunkt zu finden, doch da war einfach nichts.

Zögernd ging sie einige Schritte, das war keine Straße, soviel konnte sie spüren, aber wo war sie nur? Schon konnte sie kaum noch die Scheinwerfer ihres  Wagens sehen, der Nebel umschloß sie immer dichter.

Ein unangenehmes Gefühl der Angst beschlich sie und sie stolperte zurück zum Auto in die vermeintliche Sicherheit. Ihr Herz schlug bis zum Hals und sie fühlte sich verloren und einsam, sie versuchte nicht die Fassung zu verlieren. Das Fenster kurbelte sie hoch, denn  nun kroch der Nebel sogar ins innere ihres Wagens und nahm ihr den Atem. Das Radio war verstummt, aber sie bemerkte es nicht.

Er würde sich auch wieder heben und dann könnte sie sehen wohin sie geraten war! Ja, dieser Gedanke beruhigte sie etwas.

Sie mußte wohl eingeschlafen sein, als sie erwachte saß sie immer noch hinter dem Steuer, der Nebel schien noch dicker geworden zu sein, kein Lichtschein, nur milchiges, undurchdringliches  Weiß um sie herum… und STILLE! Die Angst kroch in ihr hoch.

Die Türe konnte sie nur mit Mühe ein Stückchen aufdrücken, es schien, als wenn der Nebel sie eingesperrt hatte. Lange saß sie einfach nur da und sah in die wallenden Nebelschwaden.

Was sollte sie tun? Weiterfahren? Warten?

Der Motor ließ sich nicht starten, so blieb ihr nichts als warten. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte keine Zeit an und auch ihre Armbanduhr war stehen geblieben. So wußte sie nicht wie lange sie schon hier war, sie hatte jegliches Gefühl für Zeit und Raum verloren, nur die Angst , die hatte zugenommen. Die STILLE erdrückte sie und schnitt alle Gedanken ab.

Viel später wurden die Nebelschwaden etwas lichter…  sie meinte auch schon wieder Bäume zu sehen. Doch dann erkannte sie, daß das hohe Felsen waren, scharfkantige, schroffe Felsen.

Nun brach die Panik los —  und sie schrie, doch selbst ihre Schreie klangen gedämpft und hohl und machten ihr noch mehr Angst. Die STILLE war undurchdringlich!

Die Erkenntnis, daß sie sich nicht mehr in ihrer gewohnten Umgebung befand, sondern in einer unwirklichen Gegend raubte ihr den Atem. Als sie die Türe endlich öffnen konnte stürzte sie ins bodenlose…

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…  als ihre Leiche nach vielen  Jahren vom Eis wieder freigegeben wurde,  gab es keine Menschen mehr auf diesem Planeten die sie hätten finden können.

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