die Vergangenheit einer Frau

Vergangenheit ist das, was jeder hat, … die einen haben eine glückliche… und die anderen haben was anderes…

Vergangenheit ist das, was früher war … und vieles davon hat sie hinter gnädigen Schleiern verborgen. Sie hat nicht so sehr viele Erinnerungen, nur manchmal bringt ein Wort oder ein Bild ein verschollenes Puzzelteilchen zurück.

Dann steht sie in der fernen Vergangenheit und weiß oft nicht, ob das wirklich ihre Erinnerungen sind oder  die einer Fremden?  Kummer, Verzweiflung, Ungerechtigkeit, Gewalt, Betrug, Verrat, Hoffnungslosigkeit… all das ist dort zu finden.

Einige Erinnerungen sind schön, die meistens allerdings möchte sie hinter den Schleiern lassen, verpackt in große Überseekoffer, mit festen Lederriemen verschnürrt. Ja, sie hat gleich mehrerer solcher Koffer, groß und stabil, mit vielen Fächern und ganz viel Platz.

Solche Koffer haben die Leute mit auf die Titanic gebracht… die liegen heute auf dem Meeresgrund und sind längst zerfallen. Ihre Koffer stehen versteckt in einem verstaubten Winkel  und manchmal öffnet sie die schweren Verschlüsse… sehr selten nur noch. Wenn sie lang genug sucht, findet sie kleine goldene Sternchen, das waren ihre glücklichen Momente.

Erstaunlich immer wieder, ihre Erinnerungen decken sich so gar nicht mir denen der anderen Menschen die auch damals da waren. Sie hat sich nie dazugehörig gefühlt, war nie ein Teil von irgendwas, immer ein Außenseiter. Unsicher, eher ängstlich und scheu… rebellisch und draufgängerisch, mutig und polarisierend… ja, so viele verschiedene Fächer hat sie gefüllt über die Jahre.

Andere erzählen von Gemeinschaften und Gemeinsamkeiten die sie so nie erlebt hat. Erzählen von Erlebnissen und Schwänken aus der Jugend, sie hat diese nur im Suff ertragen oder losgelöst von Raum und Zeit…

War das  die gute alte Zeit? Für sie war  „damals“ alles andere als lebenswert, und oft wundert sie sich, wie sie überlebt hat. Heute läßt sie meistens  die Trauer über so viele verlorene Lebensjahre nicht zu, aber manchmal denkt sie, wie es hätte sein können ihr Leben und wo sie heute vielleicht  wäre.

Doch dann wird ihr bewußt, das sie im JETZT lebt und ihr Leben im HEUTE ist wunderbar! Und wer weiß, wo sie ohne ihre Vergangenheit heute sein würde? Denn es hat auf lange Sicht vielleicht doch einen Sinn, auch wenn es  sehr, sehr  schwer ist das als Mensch zu verstehen.

Ihr kommt der Gedanke an ein großes Feuer, in das könnte sie die schweren Schrankkoffer der Vergangenheit stellen, zusehen wie sie verbrennen und sich in Rauch auflösen. Wer weiß, vielleicht macht sie das… eines Tages?

Koffer braucht sie nicht mehr, ihre Erinnerungen der letzten Jahrzehnte sind froh und leicht, (auch wenn ihr Leben alles andere als immer einfach war), und die trägt sie in ihrem Herzen!

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(mit-)fühlen

*

All die Grausamkeiten, die Menschen sich und anderen antun, lassen mich nur noch verzweifeln.

*

Aber Güte und Mitgefühl treiben mir die Tränen der Trauer in die Augen, warum ist es nicht überall und immer so?

*

… sehen

Sie sieht anders… immer sofort weiter und mehr…

 

… das Kalb auf der Weide sieht sie als geschlagenes Tier in Todesangst, dem der Töter den BlozenSchuß versetzt.

… die vorbeiziehende Schafherde, ist für sie nicht idyllisch, denn viele haben schmerzhafte Probleme mit den Hufen und sie gehen einem grausamen Schicksal entgegen.

… die Gänse, die hundertfach im Grün stehen, sieht sie gerupft und gebraten, genauso wie die Hühner, die nur ihrem elenden Dasein entkommen, wenn man sie köpft.

… die Pferde, die dort am Horizont stehen, sieht sie geschlagen, verschachert und hört ihr schrilles Wiehern auf den langen Wegen in den Tod.

… die Kühen, denen man die gerade geborenen Babies entreißt und die jahrelang Höchstleitungen bringen müssen, die sieht sie auf ihrem blutigen letzten Wegen.

.. die Schweine, die man ihr ganzes Leben lang quält und in ihrem eigenen Kot hält, sieht sie noch lebend aufgehängt, nicht betäubt in der Schlachtstraße.

 

… sie sieht all das Leid und Elend und schweigt nicht, aber es frißt sie immer mehr und mehr auf, bis nur noch die Tränen bleiben, aber keine Hoffnung.

 

… die Menschen, denen sie oft ansieht, wie es mit ihnen weitergeht… da schweigt sie still, denn da hat sie keine Tränen und die Hoffnung haben sie selber aufgefressen.

Hat so alles einen Sinn?

Sie las vor einigen Tagen den Satz: „Das Leben schickt dir immer genau die Menschen, die Du für deine Entwicklung brauchst.“

So im vorübereilen gelesen mußte sie doch immer wieder daran denken… „Blödsinn!“… „kann das stimmen?“ …“ein kleines bißchen wenigstens?“… „…vielleicht..?“

Am Abend im Bett, kurz vor dem Einschlafen war der Satz immer noch präsent und sie sah viele Gesichter  in schneller Folge, aber keines kam ihr bekannt vor. Plötzlich war sie wieder hellwach und stand wieder auf, da waren sie wieder die Geister der Vergangenheit.

Mit einer Tasse Tee kuschelte sie sich etwas später in die Couchecke, die weiche Decke über den Beinen.

„Mir war das Leben wohl nicht sehr wohlgesonnen, wenn ich an die Menschen in meinem Leben denke.“ sie sagte das laut. Überhaupt sprach sie gerne mit sich, wenn sie es laut aussprach klärten sich viele Dinge wie von selbst.

Und das Gespräch mit sich selbst hatte den Vorteil, sie konnte schonungslos offen und ehrlich sein, machte es doch keinen Sinn sich selber etwas vorzumachen.

“  …die ich für meine Entwicklung brauchte?“ zuerst hörte es sich Hohn an, brauchte sie es, das man sie schlug? Für was brauchte sie Gewalt und Hass in ihrer Entwicklung?

Das war eines der Themen, die sie nur selten heute noch hervorholte, Tatsache aber, sie waren immer noch präsent. Sie hatte es überlebt, im wahrsten Sinne des Wortes, und es hatte sie stark gemacht im nachhinein. Doch als sie all das erleben mußte, konnte sie es kaum aushalten…

„…was also hat es mir gebracht?“ fragte sie. Nach einigem Nachdenken wurde ihr bewußt, das es sie wirklich gestärkt hatte, es hatte sie unabhänging gemacht und frei von den Menschen.

Sicher, ihr war klar, das der Satz so ganz sicher nicht gemeint gewesen war, aber für sie stimmte es eben nur so.

Durch ihre Erfahrungen hatte sie auf den Kontakt mit den Menschen weitgehendst verzichtet. Nein, es war nicht mal ein Verzicht, es gab kein Verlangen mehr nach menschlicher Gesellschaft. Zu tief waren die Abgründe der menschlichen Existenz in die sie sah… und so  hatte sie sich ganz bewußt abgewandt.

Auf diese Weise konnte sie ihren Seelenfrieden wieder finden und sich in ihrer ganz eigenen Welt einrichten. Sicher, es gab kurze Begegnungen, der Postmann kam und brachte etwas, die Verkäuferinnen in den Läden… sie plauderte anscheinend leicht und unverfänglich, heiter und locker… das fiel ihr nicht schwer.

Nur, das war sie nicht, das machte sie, weil der Umgang einfach leichter dadurch wurde. Das erwarteten die Menschen, nettes, oberflächliches Geplänkel. Sie persönlich brauchte das nicht.

„Ja, man trifft wohl die Menschen, die einen in der Entwicklung weiterbringen,“ dachte sie. „Mich hat es autark und ohne falsche Vorstellungen gemacht.“

Mit diesen Gedanken schlief sie ein. Sie träumte, vergaß die Träume aber wieder und erwachte mit einem leisen Hauch von Bedauern.

Worte

Und so sitzt sie da, könnte es zufrieden sein, doch dunkle Worte überfluten ihren Geist.

Da hallen sie wieder und wieder und geben sich gegenseitig ein Echo, fangen Gespräche an und sie geht unter.

Worte aus vergangenen Tagen, die verletzend waren und es bis heute sind.

Worte die sie beleidigt haben treffen sie noch immer.

Worte die sie niedermachen sollten, tun das auch jetzt.

Worte der Bösartigkeit, treffen sie immer und immer wieder.

Nicht mehr so oft wie früher, aber es gibt da ein Schubfach, wenn sie das nur ein wenig öffnet, dann ist sie verloren.

 

Sie weiß das, doch manchmal ist sie unaufmerksam, nimmt ein Wort auf und dieses Wort zieht eines nach dem anderen wieder hervor.

Und dann sitzt sie da und überlegt, ob diese Worte irgendwann entschärft sein werden.

Nachts

Der nasse Asphalt mondglänzend

Atemwölkchen vor dem Gesicht

Gedanken die traurig sind

Schwester Mond nimm sie bitte mit

Wie kommt der Löwe in die Krippe?

Da liegt ein kleiner abgeliebter Stofflöwe in diesem Jahr bei der Krippe in der Kirche.  Mit Erstaunen sah ich ihn und fragte mich, woher er wohl gekommen sei …

In der Kirche saß eine ältere Frau, eine von denen die ihre Zeit dafür hergeben unsere Kirchen zu bewachen. Deshalb kann man sie noch offen halten tagsüber, leider wird sonst immer wieder vieles zerstört dort.

„Sie wundern sich sicher über den kleinen Löwen? Wie ich sehe Sie fotografieren sie ihn gerade.“ sprach sie mich an.

„Ja, so einen habe ich hier noch nie gesehen,“ antwortete ich. „Er fällt schon auf, etwas ungewöhnlich.“

„Nun, es steckt eine Geschichte dahinter, wenn es Sie interessiert kann ich sie Ihnen gerne erzählen… haben Sie Zeit?“

Natürlich hatte ich Zeit und wir setzten uns in  eine der hinteren Kirchenbänke.

„Dieser kleine Stofflöwe gehörte der kleinen Rebecca und ihre Eltern haben ihn in der Christmette zur Krippe gelegt. Die ganze Gemeinde hatte für das kleine Mädchen gebetet, aber sie verstarb am heiligen Abend.“

„Ach, das ist sehr traurig, war die Kleine krank?“ fragte ich

„Rebecca wurde eine Woche vor Weihnachten angefahren und lag bis zu ihrem Tod im Koma. Ein betrunkener Autofahrer hat sie auf dem Weg zum Kindergarten angefahren und verletzt liegen gelassen. Als man sie dann fand war sie schon sehr schwach, ohne Bewußtsein und stark unterkühlt. Mehrere Operationen brachten sie leider nicht wieder zurück, ihr Zustand verschlechterte sich immer weiter.

Wir alle haben für dieses kleine Mädchen gebetet und haben so sehr gehofft, das sie wieder gesunden würde. Die Eltern erzählten, daß sie immer ganz besonders die Krippe in dieser Kirche geliebt hätte und sie war im letzten Jahr kaum zu halten, weil sie sich alles ganz genau ansehen wollte. Besonders das Jesuskind hat sie ganz genau sehen wollen. Sie war ganz begeistert, als dann das stehende Jesuskind aufgestellt wurde.

In diesem Jahr hat sie die Krippe leider nicht mehr sehen können.

Und so legten die Eltern den kleinen Löwen in diesem Jahr zur Krippe und …“

Mir standen die Tränen in den Augen, „Das ist aber wirklich eine schlimme Geschichte.“

Ja, auch die nette ältere Dame hatte ein Taschentuch in der Hand und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Mir setzt das jetzt wieder sehr zu, ich kannte die Kleine und ihre Familie… es ist ein wirkliches Drama. Die Eltern sind ganz verzweifelt und deshalb hat es ihnen einen kleinen Trost gegeben, Rebeccas Lieblingslöwen zum Christkind zu legen.“

Wir unterhielten uns noch eine Weile und ich bedankte mich zum Abschied.

Sehr nachdenklich fuhr ich nach Hause und mußte die Geschichte unbedingt aufschreiben.

In Erinnerung an Rebecca.

(Diese Geschichte ist rein fiktiv und ist im Rahmen des täglichen Schreibens entstanden. Die Krippe gibt es und den kleinen Löwen dort auch.)

warum ?

… und wenn sie dann über mir zusammenschlagen

die Erinnerungen

… und ich Angst bekomme

sie könnten mich verschlingen

… und wenn meine Welt auf einmal

nur noch dunkel ist

… und mir all das Erlebte und Erlittene

die Luft abschnürt

… und ich immer wieder Nachts aufschrecke

weil der Alp mich niederdrückt

… und es macht mich so wütend und böse

bis dann die Traurigkeit überwiegt

… ja, dann versuche ich einfach nur

zu überleben!

einfach LEBEN

Sie war traurig.

Warum nun ganz genau, das konnte sie nicht sagen.

So eine allgemeine Traurigkeit, die sich schleichend einstellt, und plötzlich überall ist. In den Armen und Beinen und im Kopf natürlich, einfach überall.

Das Gefühl, dem Leben und all seinen Anforderungen nicht gewachsen zu sein… nicht zu genügen… nie genug zu können… niemals genug getan zu haben…

Ja, das machte sie traurig, ihre Unzulänglichkeit.

Das Herz wurde ihr schwer, so als wenn es einfach keine Kraft mehr hätte um weiter zu schlagen… jeder Atemzug wurde zur Anstrengung. Wie sollte sie nur weiterleben?

Sie war traurig, sehr traurig.

Sie wußte auch manchmal, warum, weil man ihr unrecht getan hatte… früher… weil man ihrer Seele Schaden zugefügt hatte… ja, weil man sie gehaßt hatte.

Das Gefühl, sich nie mehr bewegen zu können lähmte sie.

Ja, das machte sie traurig, all das Unrecht, das man ihr angetan hatte.

Ihr Herz schlug schmerzhaft bis hinauf zum Hals… schnürrte ihr den Atem ab. Ihre Hoffnung schwand…

Sie war… nur SIE…

Und plötzlich durchströmte neue Kraft sie, all das Schwere und all die schwarzen Erinnerungen verblaßten. Sie fühlte sich leichter. Sie fühlte sich sicher und sie wußte, das sie ein erfülltes Leben hatte.

Dankbar bückte sie sich, hob die kleine Katze auf, drückte ihr Gesicht in ihr warmes, weiches Fell … lauschte dem Schnurren und war einfach glücklich.

JA, DAS ist Leben. Randvoll mit Liebe und Glück schlug ihr Herz leicht und mit einem Lachen fing sie an zu tanzen. Das Kätzchen im Arm, drehte sie sich zu ihrer eigenen, fröhlichen Lebensmelodie.

Nichts konnte ihr etwas anhaben, nur sie lebte ihr Leben… unbeschwert, voller Liebe und Hoffnung.

ungelebtes Leben

.

wenn man nach langen Jahrzehnten

erfährt, daß alles was man

gedacht hat zu wissen

nur eine Vorspiegelung war

kann man nur großes Mitleid

ja auch Trauer empfinden

.

wenn man nach langen Jahren erfährt,

daß sie sich nur noch gehaßt haben

macht das nicht nur sehr betroffen

sondern man kann nur großes Bedauern

für dieses Paar empfinden

das sein Leben nicht gelebt hat

.